Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 99 (sequence 9)
- Language
- German
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SS hervorgehoben habe. Um das zu beweisen, werden dem Evangelium die Ritualgesetze, das Zivil- und Kriminalrecht des Talmuds gegenübergestellt. Darin aber liegt eine so willkürliche Verschiebung des Standpunkts der Beurteilung, wie wir sie bei Männern der Wissenschaft nicht für möglich gehalten Hütten. Der Heils- und Sittenlehre des Evangeliums darf man nicht, wenn man schon von der Bibel absieht, als ob diese für die Juden jener Zeit nicht vorhanden gewesen wäre, den Talmud in seiner Gesamtheit, sondern man muß ihr die Heils- und Sittenlehre des damaligen Judentums gegenüberstellen, die, wenn sie auch im Talmud mit enthalten ist, doch in ihm ein eigenes und für sich gesondertes Element bildet. Wie der Talmud beide Elemente, Gesetzliches und Ethisches, mit einander vereinigt hat, das liegt an der viele Jahrhunderte später erfolgten Redaktion des Talmuds und hat mit dem Lehrinhalt selber nichts zu schaffen. Spricht man aber vom Talmud im Ganzen, so stehen ihm nicht die Gesetze der Bergpredigt, sondern das kanonische Recht und die Werke der Kirchenväter gegenüber, die auch noch Einiges mehr als das Evangelium enthalten. Und wenn sich in der jüdischen Ueberlieferung auch Vieles ffndet, was nicht der Glaubens- und Sittenlehre angehört, so findet sich in ihr auch manches Andere nicht, was dafür anderwärts zu finden ist. Das Plus der jüdischen Ueberlieserung ist jedenfalls kein Plus, durch welches die religiösen und sittlichen Ideale des Prophetismus getrübt oder verdunkelt würden. Sehr fraglich aber dürfte es erscheinen, ob es christlichen Theologen, die das Wesen des Christentums darstellen und sich für berechtigt halten, dabei von gewissen dogmatischen Elementen abzusehen, die von autoritativer Seite als wesentliche Grundlehren des Christentums betrachtet werden, ob es, sage ich, diesen christlichen Theologen ansteht, uns, den jüdischen Theologen und Rabbinern, nachzusagen, daß sie den Lehrinhalt der jüdischen Ueberlieferung destillierten, um die Existenzberechtigung des Judentums nachzuweisen. M. H.! Es ist vielfach von der höheren Idealität der christlichen Moral die Rede, durch die sie dem Judentum überlegen sei. Allerdings hat das Judentum darauf verzichtet, 7*