Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 8)
- Language
- German
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98 samtheit des Judentums als verbindlich wäre angenommen worden. Erst jüngst wieder ist von Güdemann, unserem hochverehrten und dem Rabbinerstande zur Zierde gereichenden Kollegen, nachgewiesen worden, wie wenig die Begriffe Gesetz und Thora einander decken, und zu welcher Mißdeutung der schönsten und erhabensten Aussprüche der biblischen Litteratur eine Identifizierung beider Worte führe. Allerdings enthält die Thora, da sie eine das ganze, auch das rituelle und bürgerliche Leben umfassende Norm sein will, auch Gesetzliches, Bestimmungen, die den Bereichen des Rituals, des Zivil- und Kriminalgesetzes angehören. Aber ihr Hauptgewicht legt sie, wie schon unsere alten Religionsphilosophen bemerken, auf die Glaubens- und Sittenlehre, die sie in ihrer höchsten Idealität ausspricht und von deren Geiste auch das Gesetzliche in ihr erfüllt und durchdrungen ist. Und wie der gesetzliche Teil der Thora seine Fortbildung und Ausgestaltung in der talmudischen Halacha, so hat der dogmatische und ethische Lehrinhalt der Thora seine Fortbildung und Ausgestaltung in der talmudischen Agada gefunden. Hat nun das Christentum nach dieser Richtung hin etwas wesentlich Neues geschaffen und sich besonders zu einem die Ethik des Judentums überwindenden höheren Standpunkt aufgeschwungen? Das wagen die neuesten Beurteiler des Judentums selbst nicht mehr zu behaupten, und darin erblicken wir einen Fortschritt, den wir dankbar anerkennen, und der uns zu ermutigen geeignet ist. Dagegen, so sagen sie, sei das Christentum dem Judentum in einem anderen Punkte unendlich überlegen. Was das Evangelium verkündet, sei allerdings nichts Neues, sondern auch in der Thora und in den Propheten, ja sogar in der jüdischen Ueberlieferung jener Zeit zu finden. Aber daneben sei in der jüdischen Ueberlieferung noch manches Andere zu finden, wodurch jenes ideale Moment wohl getrübt und verdunkelt worden sei. Die Originalität des Stifters der neuen Lehre habe nun darin bestanden, daß er aus diesem Chaos das Bleibende und Ewige herausempfunden und mit größtem Nachdruck