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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 97

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
Date
1903-01-01
Page
Seite 97 (sequence 7)
Language
German
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97 desto leuchtender zu Tage trete. Das ist auch in neuerer und in der neuesten Zeit von einigen christlichen Theologen geschehen, deren großen Verdiensten auf anderen Gebieten auch wir unsere Bewunderung nicht versagen. Ich erinnere nur an den sonderbaren Einfall — um mich nicht des Wortes Unfug zu bedienen — der vor einigen Jahren ernstlich diskullert wurde, daß in dem bekannten Satze Hillels: ״ דעלך סני לחברך . לא תעבידWas du nicht willst, das man dir thue, das thue auch deinem Nächsten nicht," unter dem Worte: Lkarver nicht der Nächste oder der Nebenmensch, sondern der Genosse eines bestimmten Kreises von Gelehrten zu verstehen sei. Bei dieser scheinbar philologischen Streitfrage handelt es sich um nichts Geringeres als um die Frage der Originalität der christlichen Sittenlehre oder um deren Abhängigkeit von der Sittenlehre des Judentums. Hat nämlich der Urheber des Christentums, dem bekanntlich im Neuen Testament der gleiche Ausspruch in den Mund gelegt wird, denselben unverändert dem Weisheitsschatz des jüdischen Rabbi entlehnt, so ist die Lehre von der allgemeinen Menschenliebe auf das Judentum und nicht auf das Christentum als auf ihre erste Quelle zurückzuführen. Dem sollte in ähnlicher Weise, wie man es in dem biblischen Gebote ״ ואהבת לרעך כמוךund du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" (III. L. M. 19, 18.) mit dem ריע als dem angeblichen Volksgenossen versucht hatte, durch jenes philologische Kunststück vorgebeugt werden, das jedoch, wie es scheint, von den jüngsten Wortführern als verfehlt aufgegeben, oder doch wenigstens nicht erneuert worden ist. Dagegen gehört zum eisernen Bestand dsr christlichen Polemik gegen das Judentum eine andere falsche Interpretation eines hebräischen Wortes, aus der die paulinische Auffassung des Judentums als der Religion der äußeren Gesetzlichkeit geflössen ist, der das Christentum als die Religion der Innerlichkeit, der religiösen Vertiefung gegenüber gestellt wird. Bekanntlich beruft man sich für diese Auffassung auf die im jüdischen Hellenismus übliche Wiedergabe des Wortes Thora durch oder Gesetz, als ob diese, der Etymologie des Wortes nicht entsprechende und nur mit Rücksicht auf die griechische Anschauung eingegebene Uebersetzung von der Ge- 7

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