Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 96

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
Date
1903-01-01
Page
Seite 96 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3111067-3111078-3112168--1574-3112279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

96 eigenen Religion zu erhallen, vor einer Ausrottung des Judentums durch die Anwendung der Zwangstaufe nicht zurückzuschrecken. Es genüge zu diesem Zwecke, einige Juden auf eine einsame Insel zu verbannen und ihnen dort die Ausübung ihrer Religion zu gestatten. Wie aber hat man sich mit den Aussagen der Schrift zurechtgefunden, die Israel als das Volk der Erlösung, als den Bund der Völker, als die Leuchte der Nationen bezeichnen? An die Stelle des alten, von Gott verworfenen Israel, so sagte man, sei ein neues Israel getreten, das jenes in seiner weltgeschichtlichen Mission abgelöst habe. Freilich hat man, wie schon Isaak Abravanel bemerkt, sich dieses qui pro quo nur da bedient, wo es sich um die Heilsverkündigungen handelt, die an Israel ergehen; die Strafandrohungen der Schrift aber hat man dem alten Israel überlassen. Isaak Abravanel wendet darauf in geistreicher Weise das Wort Hiobs an: ״ גם את הטוב נקבל מאת האלהים ואת הרע לא נקבלdas Gute nehmen sie für sich in Anspruch, das Böse lehnen sie ab." Wie sich die moderne christliche Theologie mit diesem Problenffden Fortbestand des Judentums betreffend, auseinandergesetzt hat, ist mir nicht recht klar geworden. Aber so wenig Wir den Fortschritt verkennen, den sie von ihrem geschichtlichen Standpunkt in der Würdigung des Judentums darstellt, den Fortbestand der Mission des Judentums glaubt auch sie bestreiten zu müssen, und sie sucht dies durch eine eigentümliche Auffassung des Judentums zu begründen. Eine Berichtigung dieser Auffassung stößt auf umso größere Schwierigkeiten, als der Irrtum mehr in einem Herzensbedürfnis als in einer falschen Erkenntnis seinen Ursprung hat. Sind es doch gerade die freisinnigsten und an Bildung hervorragendsten Männer, die, nachdem sie mit dem Dogma ihres Glaubens mehr oder minder gebrochen haben, in dem Bedürfnis, ihr durch die Geschichte überkommenes und durch Erziehung angeeignetes Bekenntnis zu rechtfertigen, das Wesen des Christentums in dessen höherer Moral erblicken und in dem Kultureinfluß, der von ihm allein ausgegangen sei. Selbstverständlich muß dann das Judentum, um dem Christentum als Folie zu dienen, desto mehr herabgesetzt werden, damit das neue, dem Christentum entstammende Kulturelement

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.