Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
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95 sal erlegen ist, wie zahllose andere Völker, die, nachdem sie ihre Bestimmung erfüllt, wieder vom Schauplatz der Geschichte verschwunden sind? So wenig wie das Naturleben duldet das Geschichtsleben den Fortbestand innerlich erstarrter und erstorbener Gebilde, die keiner Befruchtung und Fortentwicklung mehr fähig sind. Was sich innerlich ausgelebt und seinen Wahrheitsgehalt bereits erschöpft hat, darüber geht die geschichtliche Entwicklung, der nimmer rastende Strom des Lebens erbarmungslos hinweg, um neuen lebenskräftigeren Gebilden Platz zu machen. Und das Judentum allein sollte eine Ausnahme von diesem Gesetze machen? Nein, an solche Wunder, die der Weisheit der göttlichen Vorsehung widersprechen, glauben wir nicht. Uns gilt der Fortbestand des Judentums vielmehr als ein Zeugnis seiner noch immer ungebrochenen Lebenskraft, der unverminderten Bedeutung, die es sich für das Kulturleben der Menschheit bewahrt hat. Von Seiten der Kirche hat man freilich versucht, dem Fortbestand des Judentums eine andere Deutung zu geben. Er sollte nicht ein Zeugnis sein für die Fortdauer der weltgeschichtlichen Mission des Judentums, sondern vielmehr ein Zeugnis des göttlichen Zornes, der wie ein Fluch auf dem Judentum laste. Weil Israel mit unbeugsamer Halsstarrigkeit, wie sie es nannten, an seinen Glauben festhielt und sich durch keine Macht der Erde dazu bewegen ließ, sich zu einem anderen Erlöser als zu dem Gotte seiner Väter zu bekennen, darum soll es, mit dem Kainszeichen ewiger Verworfenheit gebrandmarkt, dazu verurteilt sein, als ein warnendes Beispiel göttlicher Strafgerechtigkeit und daneben auch als ein Zeugnis für die Wahrheit der Tochterreligion unstät und ruhelos unter den Völkern einherzuwandeln und nicht einmal die Erlösung durch den Tod finden zu können. Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, zu welch traurigen Verirrungen diese Anschauung geführt hat, in der wir vom Standpunkt des Judentums aus nur einen Ueberrest heidnischer Religionsanschauung erblicken können. Ist doch ein hervorragender Theologe des Mittelalters, Johannes Duns Scotus, im klebrigen ein Anhänger der Philosophie Gabirols und nicht unbeeinflußt durch Maimonides, auf den Gedanken gekommen, man brauche, um sich dies Zeugnis für die Wahrheit der