Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 94 (sequence 4)
- Language
- German
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94 dem Einfluß der durch die Religion erzeugten sittlichen Gesamtanschauung der Menschheit. Das Moralische versteht sich für edlere Naturen von selbst, weil es seit Jahrtausenden durch die Religion geheiligt ist, weil die Religion die Moral mit einer Weihe und einer ehrfurchtsvollen Scheu umgeben hat, die heute noch fortbesteht, auch bei denen, die sich von der Religion abgewendet haben. Wer aber möchte eine Bürgschaft dafür übernehmen, daß mit dem Glauben an ein religiöses Ideal nicht auch diese Scheu und Ehrfurcht schwinden und die unbedingte Verbindlichkeit des Sittengesetzes eine tiefe Erschütterung erfahren könnte? Ich halte es umsomehr für unsere Pflicht, und wir sind umsomehr dazu berufen, gegen diese Bestrebungen, die Religion aus dem Kulturleben der Zeit auszuschalten, unfern Widerspruch zu erheben, als wir, die geistigen Vertreter des Judentums, von der unerschütterlichen Ueberzeugung durchdrungen sind, daß die sittlichen Lebensideale, welche im Entwicklungsgang der Menschheit mehr und mehr zum Durchbruch gelangt sind, wie sie im Gottesglauben des Judentums ihre Wurzeln haben, auch mit diesem Glauben stehen und fallen. Das Judentum ist der Träger der monotheistischen Gottesidee und der sittlichen Ideale, die aus dieser Gottesidee entsprungen sind und nur aus ihr entspringen konnten. Darauf beruht die weltgeschichtliche Mission des Judentums, die ihm auch heute noch und für alle Zeit seine Daseinsberechtigung verleiht. Die Fortdauer dieser Mission ist aber neuerdings wieder, und zwar von hervorragenden christlichen Theologen bestritten worden. Das Judentum, so hat man von jeher behauptet und so wird neuerdings wieder behauptet, habe seine Mission längst. erfüllt; es sollte eben nur eine Vorstufe sein für eine höhere Entwicklung der religiösen Idee, mit deren Eintritt in das Völkerleben es selber als überwunden gelten dürfe. Eine merkwürdige Behauptung, die allen geschichtlichen Erfahrungen widerspricht. Wenn das Judentum seit 1900 Jahren seine Mission beendet und für die fortschreitende Entwicklung der Menschheit jede Bedeutung verloren hätte, wie kommt es, daß es sich trotzdem bis auf den heutigen Tag behauptet hat und nicht demselben Schick-