Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 93 (sequence 3)
- Language
- German
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93 Bewußtsein des Menschen hätten herausbilden können, so möchte ich das als ein bloßes Problema bezeichnen, als eine Behauptung, für die es einen wissenschaftlichen Nachweis überhaupt nicht geben kann. Denn thatsächlich hat die Moral sich überall und zu jeder Zeit unter dem Einfluß der herrschenden religiösen Anschauungen entwickelt, und es fehlt uns jede Vorstellung davon, wie das sittliche Leben sich gestaltet hätte, wenn es von jedem Einfluß der Religion unberührt geblieben wäre. Man redet von dem ethischen Bewußtsein, von dem sittlichen Gefühl des Menschen, als ob dasselbe keinen Schwankungen unterläge und sich zu allen Zeiten gleich geblieben wäre. Wird dieses durch die Geschichte bestätigt? War das ethische Bewußtsein nicht vielmehr stets von den religiösen Anschauungen bedingt, denen der Mensch gehuldigt hat? Hat die Welt des Heidentums in sittlicher Beziehung denselben Standpunkt eingenommen wie die modernen Kulturvölker, die sich mehr oder minder der monotheistischen Gottesidee des Judentums angeschlossen haben? Das Gewissen ist gleichsam der göttliche Funke, den der Glaube in der Brust des Menschen entzündet; es ist der Mond, der die Nacht unseres Seelenlebens erhellt. Der Glaube aber ist die Sonne, von der der Mond erst sein Licht empfängt. Das Prinzip der Humanität wurzelt in dem Boden der Religion; es empfängt seine Weihe durch den Glauben an einen Gott, der unsrer Aller Herr und Meister ist, der den Menschen in seinem Ebenbild geschaffen hat und ihm gebietet: Heilig sollt Ihr sein, wie ich der Ewige, Euer Gott, heilig bin. Das Gewissen ohne Religion ist wie die Natur ohne Gott, ein bloßes Wort, bei dem wir uns nichts Rechtes denken können. Ich möchte nicht mißverstanden sein. Es liegt mir fern, bestreiten zn wollen, daß man in unseren Tagen auch ohne sich zu einer bestimmten religiösen Weltanschauung zu bekennen, ein sittlich reiner und unantastbarer Mensch sein kann. Aber dann zehren wir in dieser Beziehung gewissermaßen von dem Kapital, das die Vergangenheit für uns aufgespeichert hat. Wenn auch für die außerhalb jedes religiösen Bekenntnisses Stehenden die religiösen Motive nicht mehr wirksam sind, so stehen sie doch unter