Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Über die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 2)
- Language
- German
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92 nicht alle, ohne Rüchsicht auf die Parteiunterschiede, von der gleichen Liebe zum Judentume, von derselben Begeisterung für seine Ideale und von demselben Glauben an seine Zukunft erfüllt und durchdrungen wären. Aber gerade deshalb, weil wir hier auf einem Boden stehen, der uns allen gleich heilig und unantastbar ist, halte ich es für unsere Pflicht, daß wir als die geistigen Vertreter des Judentums gegen gewisse Erscheinungen, die in neuester Zeit hervorgetreten sind und die darauf ausgehen, die Daseinsberechtigung des Judentums im Leben der Gegenwart in Frage zu stellen, Einspruch erheben und daß wir ihnen gegenüber den uns allen gemeinsamen Standpunkt mit aller Entschiedenheit zum Ausdruck bringen. Ich halte diese Pflicht für umso unabweisbarer, als die Vorurteile, die ich hier im Auge habe und die Ihnen ja allen bekannt sind, als Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung ausgegeben werden nnd zum Teil wenigstens von Männern ausgehen, die durch das Gewicht ihres Namens geeignet sind, auch auf die Unkundigen innerhalb unserer eigenen Gemeinschaft Eindruck zu machen und eine gewisse Beunruhigung in den Gemütern hervorzurufen. Wir wären nicht die treuen Hirten unserer Gemeinden, die wir sein sollen, wenn wir dieser Gefahr vorzubeugen uns nicht bemühen würden. M. H.! Von einer Seite freilich wird in unseren Tagen die Daseinsberechtigung nicht nur des Judentums allein, sondern der positiven Religionen überhaupt in Zweifel gezogen. Ich meine die Bewegung, die auf eine Trennung der Moral von der Religion ausgeht, die sich aber nicht darauf beschränkt, die Unabhängigkeit der Moral von der Religion als ein zukünftig zu erstrebendes Ziel hinzustellen, sondern noch viel weiter geht, indem sie behauptet, daß die Religion auf die fortschreitende Entwicklung des Menschengeschlechts in sittlicher Beziehung einen maßgebenden Einfluß überhaupt nicht ausgeübt habe. Ich brauche Ihnen nicht erst zu beweisen, in welchem Widerspruch diese Anschauung mit den offenbarsten Thatsachen der Geschichte steht. Wird von jener Seite aber behauptet, daß die sittlichen Anschauungen, die heut zur allgemeinen Anerkennung gelangt sind, sich auch unabhängig von der Religion aus dem ethischen