Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Sein Blut komme über uns
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 8)
- Language
- German
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89 Unmöglichkeit. Der von Strauß geführte psychologische Beweis - erhält durch die obenstehenden Ausführungen eine Ergänzung in Bezug auf die Kritik des Textes. Würde es sich nicht, wie hier, um ein Gebiet handeln, bei welchem Vorurteile in so hohem Maße mitsprechcn, so würde es so ausführlicher Erörterung kaum bedurft haben. Schon die erwähnte, Ende des 16. Jahrhunderts erschienene Schrift LbiZub Emunah zeigt in Capitel 47. die logisch ungünstige Lage der Christen, die aus dem Opfertod Christi den Juden einen Vorwurf machen wollen. Hierzu bemerkt die Schrift: „Einwurf gegen die Christen. Es läßt sich an sie „die Frage stellen: Ihr behauptet, die Juden haben an „Jesum, dem Nazaräer, Strafgerichte geübt, nämlich „allerlei Martern und Kreuzigung; wie? Haben sie „Alles, was sie an ihm verübt haben, mit seinem Willen „gethan oder wider seinen Willen? Wird nun der „Christ antworten: sie haben ihm dies mit seinem Willen „gethan; so erwidern wir: wer nach dem Willen Gottes „thut, gewiß der findet Gunst in dessen Augen . . . „Wird aber der Christ antworten: sie haben, was „sie an ihm verübt, ihm wider seinen Willen mit Gewalt „gethan; dann - erwidern wir: ist dies der Fall, wie „kannst du ihn Gott nennen, da er Qualen wider „seinen Willen erdulden muß rc." Ist der Opfertod Christi von Gott gewollt, so ist es gewiß nicht billig, daß die Juden, welche als blinde Werkzeuge der Vorsehung den Tod herbeiführen, dafür von Gott bestraft werden sollen. Und nicht blos sie, sondern ihre Nachkommen nach 2000 Jahren! Und das soll gewissermaßen ein Kennzeichen dafür sein, daß nach diesem Opfertod der „Gott der Rache" sich in einen „Gott der Liebe" verwandelt habe. Überhaupt ist es schon blasphemisch, eine solche Gegenüberstellung vorzunehmen, sich einen Gott vorzustellen, der im Laufe einiger Jahrhunderte zwei diametral entgegengesetzte Sittenlehren gegeben hätte. Und die Sache läßt sich nicht dadurch einleuchtender machen, daß man an-