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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 88

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Sein Blut komme über uns
Date
1903-01-01
Page
Seite 88 (sequence 7)
Language
German
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88 gedrückt in der symbolischen Ceremonie von V. Moses 21. 6 wäre logisch und von einer gewissen dichterischen Kraft. Die Ceremonie wäre dagegen, wie bemerkt, sinnlos und unwahr von Seiten des Pilatus. Was mir nun an der Stelle geändert erscheint, ist Folgendes: Ursprünglich waren Matth. 27. 24 und 25 zusammenhängend. Es war darin etwa zu lesen: „Die Aeltesten „wuschen die Hände vor dem Volk und sagten: Wir sind „unschuldig an dem Tod dieses Gerechten. Sein Blut komme „über uns und unsere Kinder." Der spätere Bearbeiter, welcher die Schuld auf die Juden wälzen wollte, oder vielleicht ein Bearbeiter, der einen Irrtum im Text annahm, trennte den Text, ließ die Händewaschung von Pilatus vornehmen und dann die Juden erklären: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Dadurch haben, wie bemerkt, diese Worte einen entgegengesetzten Sinn erhalten, den sie nicht haben können. Es wird andererseits von Pilatus die Vornahme einer jüdischen Ceremonie erzählt, die er als Römer, als Gerichtsherr schlechterdings nicht vorgenommen haben kann, während sie als von den Juden erzählt natürlich wäre. Zum Schluß sei bemerkt, daß die Stelle Matth. 27. 25 in der üblichen Auffassung psychologisch nicht denkbar ist. Hierauf hat schon David Friedrich Strauß in seinem „Leben Jesu" hingewiesen, wie von Philippson (S. 28/29) hervorgehoben ist. Er sagt: „Es ist nach ihm (Strauß) undenkbar, daß Pilatus immer wieder Versuche, Jesum zu retten, macht und dann mittelst der improvisierten Scene der Händewaschung die Unschuld Jesu feierlich bezeugt, und noch undenkbarer, daß das versammelte Volk die Schuld sich und seinen Kindern aufladet. Das Letztere sei offenbar erfunden, um den furchtbaren Ausgang des jüdischen Staates als die an den Kindern vollzogene Strafe für das von den Vätern vergossene Blut Jesu hinzustellen." Ob nun die Auffassung richtig ist, daß dieser Satz später erfunden ist, oder die hier dargelegte, daß er aus einem Ausspruch entstellt ist, der ursprünglich das Gegenteil bedeutete, psychologisch enthält die Stelle in ihrer jetzigen Fassung eine

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