Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Sein Blut komme über uns
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 6)
- Language
- German
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87 ihrer Hand, sowohl Barrabas wie Christus frei zu lassen, beziehentlich frei zu sprechen. Andererseits lag es in der Hand des Pilatus außer Barrabas auch Christus frei zu lassen; daß er dies nicht gethan, sucht die romanisierende Überarbeitung der Evangelien durch Pilatus vermeintliche Furcht vor den Juden zu entschuldigen. Wie in der citierten Schrift Philippson's nachgewiesen, widerspricht diese Darstellung dem energischen Charakter des historischen Pilatus. Aber nehmen wir selbst an, Pilatus habe aus Furcht so gehandelt, so läßt sich damit die Notiz über Pilatus an der hier in Frage stehenden Stelle nicht in Einklang bringen. Wie oben angegeben, giebt das Volk die Antwort „Sein Blut komme über uns" nach folgender Handlung des Pilatus „. . . nahm er Wasser, und wusch die Hände vor „dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut „dieses Gerechten; sehet Ihr zu." Die Händewaschung findet ihre Erklärung durch V. Moses 21. 6. Wird ein Ermordeter gesunden, so sollen die Ältesten des nächstgelegenen Orts die Hände in dem Blut einer Ziege waschen und erklären, wir sind unschuldig an dem Tode dieses Mannes. Die Bedeutung dieses Aktes ist klar, es soll verhindert werden, daß durch den zufälligen Fund einer Leiche die Blutrache gegen die Bewohner der betreffenden Ortschaft entfesselt wird. — Abgesehen davon, daß man von Pilatus doch nicht die Vollziehung eines hebräischen Ritualakts erwarten dürfte, ist in seiner Person der Akt auch widersinnig. Wer ein Urteil fällt oder bestätigt, kann nicht sagen, daß ihn die Sache nichts angeht. Wer aus Furcht ein Urteil gegen Jemand bestätigt, ^von dessen Unschuld er überzeugt ist, der kann nicht sagen, daß er an dem Tode dieses Gerechten unschuldig ist. Dagegen wäre der Akt ganz sachgemäß von Seiten der jüdischen Ältesten, im Sinne einer Darstellung, welche betonen will, daß die Juden mit der Sache nichts zu thun hatten. Der Gedankengang, daß Jesus Christus zwar im Gebiet von Palästina hingerichtet, dies aber lediglich Sache der Römer sei, aus-