Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Sein Blut komme über uns
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 86 (sequence 5)
- Language
- German
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86 nahe legt, die Freigabe Jesu Christi zu verlangen, daß diese aber die Freilassung des Barrabas*) fordern. Von diesem Barybas heißt es Matthäus 27. 16. . . . „einen sonderlich vor anderen, der hieß Barabas." Markus 15. 7. . . „Barrabas, gefangen mit den Aufrührerischen, die einen Mord begangen hatten." Lukas 23. 19. „Welcher war um eines Aufruhrs, so in der Stadt geschehen war, und um eines Mords willen ins Gefängnis geworfen." Johannes 18. 40. „Barrabas aber war ein Mörder." Deutlich ist die Steigerung in dem Bestreben, Barrabas unsympathisch gewissermaßen als Folie gegen Christus erscheinen zu lassen; es scheint sich jedenfalls um eine Persönlichkeit zu handeln, welche bei einem Aufruhr gegen die Römer gefangen ist. Psychologisch ist es durchaus natürlich, daß Pilatus lieber die Begnadigung Christi wünscht, welcher eventuell nur mit Worten sich gegen das Imperium Romanum gewendet hat, als die des Barrabas, der im Kampfe gegen die Römer gefangen ist. Wie umgekehrt das Volk gerade deshalb für Barrabas Sympathie haben mußte. — Aus dem einmaligen Begnadigungsrecht der Juden geht aber hervor, daß sie mit der Verurteilung Christi nichts zu thun hatten. Das Begnadigungsrecht ruht mit begrifflicher Notwendigkeit in anderer Hand als die Gerichtsherrschaft. Die Episode von Barrabas ist durchaus logisch, wenn Pilatus, wie er Joh. 19. 10 bemerkt, Macht hat, zu kreuzigen und freizugeben. Sie ist unverständlich, wenn diese Macht bei den Juden liegt. Anderenfalls hätten diese nicht zu wählen nötig, sondern es läge in *) In „Hermes, Zeitschrift für klassische Philologie" Bd. 33, 1898, S- 175 hat Professor Wendland einen Artikel: „Jesus als Saturnalienkönig" veröffentlicht. Er weist daraufhin, datz während einer Judenverfolgung in Alexandria 38 n. Ehr. ein gewisser Kärabas als König der Juden verspottet wurde. Der betreffende Bericht Philos von Alexandrien enthalte viele der Einzelheiten, welche die Evangelien über die Verspottung Christi als König der Juden mitteilen. Soweit Wendland. Da zudem Bärabbas „Sohn des Vaters" heißt, liegt die Vermutung nahe, daß Christus und Bärabbas ursprünglich identisch waren.