Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Sein Blut komme über uns
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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84 daher zunächst völlig auf dem Boden der jüdischen Auffassung; was darin gegen die Juden gehässig ist, dürfte als spätere Überarbeitung oder Interpolation anzusehen sein. Dies gilt insbesondere von der hier in Frage stehenden Stelle. Wie wäre es sonst möglich, daß diejenige Stelle der Evangelien, welche mehr als alle anderen geeignet wäre, Haß gegen die Juden zu erregen, sich gerade nur in demjenigen Evangelium findet, das ursprünglich besonders den Zusammenhang mit der jüdischen Tradition, die Abstammung Christi vom davidischen Stamm betont? — In der That scheint die Stelle ursprünglich genau den entgegengesetzten Sinn zu haben. „Sein Blut komme über uns" soll heißen: „Sein Blut komme über uns, wenn wir am Tode dieses Mannes schuldig sind." Die Stelle war ursprünglich ein Protest. Es ergiebt sich dies aus folgenden Thatsachen. In der Bibel (dem alten Testament) findet sich der Satz: „Sein Blut komme über uns" nur an einer Stelle, wie aus der Lonaorckanr: leicht festzustellen ist. Es handelt sich um die Stelle Josua II, 13—20. Die jüdischen Späher sind von der Buhlerin Rachab vor den Soldaten des Königs von Jericho verborgen worden. Zum Dank soll sie und ihr Haus bei der Eroberung der Stadt verschont werden. Die Späher sagen ihr (Josuah II, 19) „und jeder, der bei dir im Hause sein wird, deß Blut ist auf unserem Haupte, wenn eine Hand an ihn gelegt wird." Sein Blut ist auf unserem Haupte bedeutet also hier nicht, daß der Tod gewünscht wird, sondern daß er verhindert werden soll; der Satz ist kein Ausdruck der Feindschaft sondern im Gegenteil die Erklärung einer gewissen Blutsbrüderschaft. — Da dies, wie bemerkt, die einzige Stelle der Bibel ist, an der dieser Satz vorkommt, ist er für die Auslegung der Matthäusstelle von entscheidender Wichtigkeit. Wenn es sich nicht um eine religiöse Frage handeln würde, bei welcher das wissenschaftliche Verständnis durch das Gefühl gestört wird, wäre dieser Beweis schon als entscheidend angesehen worden. Es kommt aber hinzu, daß gerade im Matthäus- Evangelium in demselben Kap. 27, in welchem sich Vers 25 die Stelle findet: Sein Blut komme über uns und unsere