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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1903-01-01 · 6 (1903) · p. Seite 83

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
6 (1903)
Article
Sein Blut komme über uns
Date
1903-01-01
Page
Seite 83 (sequence 2)
Language
German
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83 Es handelt sich hier nicht um eine bloße Doktorfrage. Noch jetzt ist es ein beliebtes Agitationsmittel, darauf hinzuweisen, daß die „Juden Christus gekreuzigt" oder noch besser, daß die Juden ja selbst von Christus gesagt: „Sein Blut komme über uns". Daß ihnen sonach nicht anders geschehe, als was sie selbst in ihrem Übermut gewollt, falls sie Verfolgungen ausgesetzt seien. — So ungefähr hat es 1899 der Bischof Brynych von Königgrätz gesagt*) und Benedictus Levita deckt seine Blöße mit der Phrase: „Furchtbar erfüllt sich an uns der frevelhafte Ruf unserer Vorfahren: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." An sich ist dieser Gedankengaug ja kindisch; er ist hübsch in dem anmutigen Gedicht von Victor Blüthgen damit lächerlich gemacht, daß Silbersteins nicht dabei waren. Der Gedankengang ist auch in hohem Maße unreligiös. Aber da diese alte Phrase dank der scholastischen, fast nur sprachlichen Ausbildung, die wir genießen, augenscheinlich auch in gebildeteren Kreisen wenigstens soviel Wert hat, daß man sich nicht schämt, sie zu gebrauchen, lohnt es der Mühe, sie etwas eingehender zu prüfen. Die Stelle in den Evangelien, um die es sich handelt, befindet sich Evang. Matth. 27, 24, 25 und lautet: 24. „Da aber Pilatus sah, daß er nichts schaffte, sondern daß ein viel größer Getümmel war, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet Ihr zu!" 25. „Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Zu der Stelle ist Folgendes zu bemerken: Sie kommt nur im Matthäus-Evangelium vor, sonst in keinem der anderen Evangelien. Dies ist um so bedeutungsvoller, als gerade im Matthäus-Evangelium deutlich zu sehen ist, wie eine ursprünglich judenfreundliche Redaktion eine antijüdische Überarbeitung gefunden hat. Das Matthäus-Evangelium sucht die Abstammung Jesu Christi von David zu erweisen, es beginnt mit dem Stammbaum Christi. Es steht *) Vergleiche Obnova Nr. 21 vom 2. Nov. 1899. b*

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