Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Das altjüdische Schulwesen
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 33)
- Language
- German
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80 nach religiöse Erleuchtung und sittliche Vervollkommnung zum Zwecke; es sollte den Lernenden mit dem Gedanken der Gotteserkenntnis, mit den Lehren der Gerechtigkeit und Menschenliebe erfüllen und die Tugenden der Pflichttreue, der Entsagung, der Demut in ihm zur Reife bringen. Das Studium der Thora, so sprachen einmal aus feierliche Weise feine Meister au£,1J3) erhält erst dadurch, daß es zum richtigen Thun, zum Neben guter Handlungen anleitet und anregt, seine wahre Bedeutung. Das altjüdische Schulwesen hat während seiner nahezu ein Jahrtausend — von Esra bis zum Abschlüsse des Talmuds — umfassenden Wirksamkeit das jüdische Volk umgestaltet und auf die weitere Entwickelung des Judenthums und seiner Bekenner entscheidend eingewirkt. In der Einseitigkeit dieses um die Pflege der religiösen Urkunden und der religiösen Ueberlieferungen gewidmeten Schulwesens prägte sich immer deutlicher die geschichtliche Thatsache aus, daß es Israels Bestimmung sei, als Volk der Religion, als zur Pflege der angestammten religiösen Wahrheiten berufene Gesamtheit weiterzuleben. Und während sich in jenem Jahrtausende seine Loslösung von den äußeren Bedingungen des nationalen Daseins mit providentieller Folgerichtigkeit vollzog, gewann Israel in dem Studium der Lehre eine geistige Heimat, an der die führenden Männer und die ihnen willig Folge leistende Gemeinschaft mit einem Enthusiasmus, einer Aufopferung hingen, wie sie sonst nur die begeisterte Liebe zum Vaterlande hervorzurufen vermag. In der jüdischen Volksseele aber weckte und stärkte jenes Jahrtausend als unverlierbare Eigenschaft für alle Zeit einen Trieb, der die kostbarste Frucht des altjüdischen Schulwesens war: den Trieb zu lernen. Dieser Trieb kam in den Entwickelung des jüdischen Geisteslebens nach zwei Richtungen zur Geltung. Er versenkte sich, nach innen gewandt, in die Erbschaft der Vergangenheit, er versenkte sich in die Kidduschin 40b; Schir r. zu 2, 14; j. Pesach. 30b; SifrL zu Deut. 11, 13.