Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Das altjüdische Schulwesen
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 32)
- Language
- German
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79 astronomisches und mathematisches Wissen nur nebensächliche Zugabe zur Weisheit, d. h. zur Gesetzeskunde sind, so gilt das sür alle Elemente sonstigen Wissens in ihrem Verhältnisse zu der in der altjüdischen Schule gelehrten, so zu sagen, autochthonen Wissenschaft. Denn solcher Elemente konnte die jüdische Schriftgelehrsamkeit keineswegs entbehren; ja sie übte geradezu eine stetige Anziehungskraft auf Wissenselemente der mannigfachsten Art aus. Die bis in's Einzelnste gehende Ausgestaltung des alle Verhältnisse des individuellen und sozialen Lebens, die Landwirtschaft ebenso, wie das gesamte Recht, umfassenden Religionsgesetzes, brachte es mit sich, daß kein Gebiet menschlichen Wissens der Halacha fremd bleiben konnte und daß in ihr eine vertiefte Kenntnis vom Baue des thierischen Körpers ebenso zur Geltung gelangte, wie die Beobachtung der Himmelskörper und die Berechnung ihrer Umlaufszeiten. Und dem endlos weiten Gedankenkreise, den die Agada dem Lernenden eröffnete, blieb nichts entzogen, was je das Forschen und Grübeln des Menschengeistes beschäftigt hatte oder von menschlicher Phantasie ersonnen wurde. Die Auslegung zweier Kapitel der Bibel, des ersten Kapitels der Genesis und des ersten Kapitels des Propheten Ezechiel bildete sogar den Rahmen zu naturphilosophischen und metaphysischen Spekulationen, die als Geheimlehre von den bedeutendsten Gesetzlehrern gepflegt wurden. Aber diese vielfachen Wissenselemente, die der jüdischen Schriftgelehrsamkeit sich einfügten und deren Fülle das große litterarische Denkmal derselben, den Talmud zu einer unerschöpflichen Fundgrube der mannigfachsten Kenntnisse macht, sie änderte nichts an der eigenartigen Natur dieser Gelehrsamkeit, noch am Charakter des Schulwesens, in dem sie gepflegt wurde. Die Einseitigkeit der altjüdischen Schule sicherte ihr eine der Hauptbedingungen ihres Erfolges, die Konzentration der Lehrthätigkeit um einen Hauptgegenstand; und der Beschaffenheit dessen, was sie lehrte, verdankte sie einen Vorzug, der jeder Bildungsanstalt als Ideal vorschweben muß: sie übte ihren Einfluß auf die Gesinnung aus und erzog für das Leben. Denn das Wissen, dessen Aneignung und Pflege sie vermittelte, hatte seiner ursprünglichen Bestimmung