Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Das altjüdische Schulwesen
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 30)
- Language
- German
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77 , Jeden, der die literarischen Denkmäler des hier in Betracht kommenden Zeitraums kennt; sie heißen Midrasch, Halacha und Haggada. Jedermann weiß, wenn auch nur aus Heinrich Heines reizvollem Gedichte über Jehuda.Hallevi, daß Halacha und Haggada — oder, wie man das Wort gewöhnlich ausspricht, Agada — zusammengenommen den Inhalt des Talmuds ausmachen; und Midrasch bezeichnet in seiner gewöhnlichen Bedeutung eine ganze Reihe von exegetisch-homiletischen Schriftwerken, die sich ihrem Ursprünge und ihrer innern Beschaffenheit nach dem Talmud anfügen. Aber in den Jahrhunderten, in denen die eben genannte Litteratur, Talmud und Midrasch, als Litteratur noch gar nicht vorhanden war, sondern als sich stetig entwickelnde und vermehrende Ueberlieferung in den Lehrhäusern und im Verkehre der Gelehrten und ihrer Jünger ein lebensvolles Dasein führte, wurden mit jenen drei Ausdrücken die drei Fächer benannt, in welche die Traditionskunde zerfiel. Midrasch hieß die Auslegung und Ausdeutung der heiligen Texte, insofern damit die Herleitung und Begründung der einzelnen Vorschriften und Bestimmungen des Religionsgesetzes bewerkstelligt wurde. Halacha — oder genauer die Pluralform Halachoth — bezeichnte die religionsgesetzlichen Vorschriften und Bestimmungen selbst in ihrer von der bibelexegetischen Grundlage losgelösten, zu selbständiger Tradition verdichteten Form. Haggada endlich — oder genauer die Pluralform H aggadoth — bezeichnte die Auslegung der nicht das Religionsgesetz betreffenden biblischen Texte. Der Haggada lagen also außer großen, namentlich den erzählenden Partieen des Pentateuchs, alle übrigen biblischen Bücher zu Grunde und ihre Tendenz kennzeichnet am besten ein sehr alter Spruch, welcher lautet:^) Wenn du den Schöpfer der Welt erkennen willst, so lerne Agada; denn aus diesem Studium lernst du Gott erkennen und dich den Wegen Gottes anschließend) 107) Im Romanzero. 108) Sifrs zu Deut. 11, 22. (§ 49). 109) Über die drei Zweige der Traditionskunde s. Näheres Bevue des Etudes juives. XXX VHI, 211 ff.