Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Das altjüdische Schulwesen
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112166--1551-3112258- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
75 Inbegriff alles von den Vätern schriftlich und mündlich Ueberkommenen verstanden hat. In diesem weiteren Sinne bildete die Thora, in welcher sich Bibel und Tradition zu einer organischen Einheit verbanden, den einzigen Lehrgegenstand — des Lehrhauses sowohl, als der dem Jugendunterrichte gewidmeten Schule. In dieser ist Bibelkenntnis Lehrziel der ersten, Traditionskenntnis das der zweiten Stufe. Eine tief eingreifende Verschiedenheit sonderte die beiden Stufen von einander: in der einen wurden Texte gelesen, in der andern wurde der Lehrstoff mündlich gelehrt. Darum heißt die Bibel, der Lehrgegenstand der ersten Stufe Mikra, das Gelesene; die Tradition, der Lehrgegenstand der zweiten Stufe Mischna, das mündlich Vorgetragene, das ohne Hilfe geschriebener Texte lehrend oder lernend Wiederholte. Diese Unterscheidung war eine so wesentliche und so streng eingehaltene, daß sich die Vorstellung eines Verbotes bildete, wonach man die schriftliche Lehre nicht auswendig vortragen, die mündliche Lehre nicht aus einer Niederschrift lehren, ja, sie garnicht niederschreiben dürfe. Allerdings standen der vollen Beobachtung dieses Verbotes ihre natürlichen Hindernisse entgegen; schließlich mußte das Verbot der Notwendigkeit weichen, die sich gewissermaßen aus dem Selbsterhaltungstriebe der Tradition ergab, und die mündliche Lehre wurde zu einem ausgebreiteten Schriftthume. Dem Bibellehrer war die Benutzung eines möglichst korrekten Exemplares und die größte Sorgfalt und Genauigkeit im Lesen, Betonen und sinngemäßen Zergliedern der heiligen Texte zur Pflicht gemacht. Mit dieser Sorgfalt und Genauigkeit haben die Bibellehrer der altjüdischen Schule, die in der Regel auch die Verfertiger der Bibelabschriften waren, eine wahrhaft geschichtliche Mission ausgeübt. Wenn der Urtext unserer hebräischen Bibel in der einmal festgestellten Form seine Integrität bewahrt hat, wenn wir diesen Text nach einer in letzter Reihe auf das lebendige Sprachbewußtsein zurückgehenden Ueberlieferung lesen können, wenn auf Grund dieser Ueberlieferung die Sprachformen des Althebräischen bis in die feinsten Nuancen erkannt und die Gesetze der Sprache ergründet werden konnten.