Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 41 (sequence 27)
- Language
- German
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41 sicht und poetischem Zauber zu dem Höchsten hinführte. Ein solcher Dichter fehlt uns noch, aber vielleicht wandelt er schon unter uns, während wir diese Zeilen schreiben. Von den Arbeiten, die von dem neuen Geist erfüllt in die Richtung der sog. Moderne einschlagen, sind vor allem drei zu nennen: Das Verlöbnis von Efraim Frisch, Passah von Moritz Hermann und Jünglinge von Michael F e u e r st e i n. Dem ersten dieser Werke gebührt aber nach jeder Richtung hin der Preis. Es ist ein Dichterwerk, aus tiefer Empfindung hervorgegangen und mit poetischer Kraft ausgeführt. Der Führer der zionistischen Bewegung Theodor H e r z l hat uns in seinem Roman: Alt-Neuland eine poetische Utopie gegeben, die ebenso viele Anhänger wie Gegner finden wird. Ich fürchte aber, daß beide ihn nicht nach seinem poetischen Werte beurteilen werden. Genau wie sein erlauchter Ahnherr Thomas Morus sucht auch er das Ideal einer neuen Gesellschastsverfassung aufzustellen. Die neue Insel Utopia ist natürlich Palästina. Die Phantasien und Kombinationen gesellschaftlicher Formen sind sehr gefällig und geistvoll, nur scheint mir die soziale Entwickelungsidee doch nicht ganz aus dem Boden der jüdischen Weltanschauung zu stehen, wie dies ja auch aus der Schilderung des Gottesdienstes im Tempel hervorgeht. Ob der Idealismus dieser zionistischen Utopia auf die geistige Entwickelung des Zionismus von Einfluß sein wird, habe ich hier nicht zu beantworten. Sonst sind noch zu erwähnen die gesammelten Humoresken von Lion Wolfs und die internationalen Ghettobilder von A. D. Thorn, sowie die hübschen Skizzen von N. Samuely: Alt-Lemberg. Nicht unerwähnt möchte ich auch das Erscheinen der vierten Auflage des vorzüglichen Romans Meir Ezofowicz von Frau Elise Orszeszko lassen. Die Konflikte zwischen dem amerikanischen und dem jüdisch-russischen Leben, die sich vor allem im Londoner East- End und im New-Iorker Ghetto abspielen, bieten der Belletristik natürlich einen reichen und ergiebigen Stoff, der auch weidlich ausgenutzt wird. In diesem Jahre haben wir drei größere Novellensammlungen anzuzeigen, die alle auf diesem Boden stehen und die einschlägigen Stoffe zum Teil