Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 26)
- Language
- German
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40 stehen mag/ es wird heute Jeder freudig anerkennen, daß Hirsch mit einer ungewöhnlichen Begabung einen tiefen sittlichen Ernst und eine aufrichtige Überzeugungstreue verbunden hat. Er ist ein ausgezeichneter Schriftsteller, ein glänzender Polemiker, und man folgt ihm in seinen Betrachtungen über das Judentum gern auch da, wo man seinen Standpunkt keineswegs zu teilen vermag. Ein Antipode von ihm war der sel. Moritz K i r s ch st e i n, aus dessen schriftlichem Nachlasse zwei Bände Predigten, wissenschaftliche Abhandlungen, Vorträge und Ansprachen erschienen sind, die uns zeigen, welch ein reicher, reiner und edler Geist der erste Dirigent der ersten Berliner Religionsschule gewesen ist. Sonst sind nur noch zu erwähnen die Festbetrachtungen von S. M e y e r, der zweite Teil der Kanzelreden von David F e u ch t w a n g, die Sabbath- und Festreden von I. Nobel und die Exhorten für den Jugendgottesdienst des ganzen Schuljahres unter dem Titel: Kleiner Weinberg von Adolf Frankl-Grün, die dem Fassungsvermögen der Jugend gut angepaßt sind. * - ch * In Zeiten sozialer Verwirrung gedeiht erfahrungsgemäß die B e l l e t r i st i k am besten. Zwar kommt nicht immer das Bessere und Höhere zu Tage; freie und im bestimmten Sinne geniale Werke der reinen Poesie werden nicht geschaffen, dafür aber lernen wir die wichtigen Lebensverhältnisse, von welchen jedes wieder ein poetisches Ganzes für sich bildet, besser kennen als in ruhigen Zeilen. Die Kämpfe innerhalb des Judentums, zwischen Zionismus und Assimilation, spiegeln sich auch in den poetischen Erzeugnissen des Jahres deutlich ab. Die Jugend geht stürmisch vor, auch in der Poesie; mit Freiheit und Bewußtsein dringt sie in das ' Heiligtum unlerer innersten Empfindungen, ihre Darbietungen sind in bestem Sinne des Wortes poetisch, obwohl auch hier nicht selten die frommen oder unftommen Eiferer fehlen, die das Heilige und Große durch ihre ungeschickte und abgeschmackte Art lächerlich machen. Wenn etwas in unserer Zeit erbauend und erweckend wirken könnte, so wären es die Worte eines frommen und tveisen Dichters, der uns mit Ein-