Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 10)
- Language
- German
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24 man wohl als einen der besonnensten und gelehrtesten Forscher rühmen darf, sagt mit Recht, daß man diese Frage selbst vor uneingeweihten Lesern nicht völlig unterdrücken könne, und er beantwortet sie sehr geschickt durch den vergleichenden Satz: „Einerseits ist in der babylonisch-assyrischen Keilschriftlitteratur nicht alles unzweifelhaft authentisch, unversehrt und sicher deutbar, und andererseits ist in der hebräischen Litteratur nicht alles so jung und tendenziös verfärbt, wie eine Anzahl neuester Forscher anzunehmen geneigt ist." Die Ueberzeugung, daß Israel in seinem Geschichtsbewußtsein eine vormosaische Periode unterschieden hat, gewinnt jetzt allgemein selbst in radikalen Kreisen an Terrain- Delitzsch hat in dieser Beziehung Licht und Schatten ungleich verteilt. Denn während er gegen die Chronologie der Bibel manche Einwendungen erhebt, sagt er kein Wort von den Mängeln der Keilschriftlitteratur. Er nimint als feststehend an, daß die zwölf Stämme Israels aus kauaanäischem Volke hervorgegangen seien. Die israelitische Ueberlieferung spricht gerade dagegen, indem sie die Kanaaniter von den Hebräern scharf unterscheidet, aber das ethnologische Verhältnis ist nicht das wichtigere, sondern das kulturgeschichtliche. Ohne Zweifel hat die babylonische Kultur den Völkern der alten Welt viel gegeben, im Himmel wie auf der Erde, in der Wissenschaft wie in der Kunst; sicher ist auch die israelitische Kultur von ihr beeinflußt worden und zwar in der Sprache sowohl wie in der Litteratur. Ob aber auch im Kultus, ist eine andere Frage, und diese Frage muß verneint werden. Oder wird jemand wohl behaupten wollen, daß Israel von den Babyloniern das Beten und Opfern gelernt habe? Mit einem ganzen Heer von Argumenten haben die oben erwähnten Forscher die Hypothesen Delitzschs über das bekannte Bild, welches einen Vorgang aus der biblischen Urgeschichte darstellen soll, über die Dämonen, die einen schwierigen Vers in der Rede Jesajas erklären sollen, über den Zusammenhang der babylonischen und altisraelitischen Flutgeschichte, über den Ursprung des Sabbaths und — was die Hauptsache ist — über den biblischen Monotheismus widerlegt. Nach Delitzsch hat die monotheistische Gottesanschauung schon bei dem alten kanaanäischen Stämmen existiert, die sich um 2500 v. Ehr.