Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 9)
- Language
- German
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23 Wenn der Kampf gegen Harnack mit seinen großen Problemen uns bis an die Schwelle der Gegenwart führte, so kehren wir auf dem Wege, den ein anderer nicht minder bedeutender Forscher uns gewiesen, vorerst wieder in die graue Vorzeit zurück. Denn nicht weniger heftig wie um Harnack drehte sich in diesem Jahr der Kampf der Gelehrten um den Vortrag von Friedrich Delitzsch: Babel ' und Bibel. Weit über die Kreise der Gelehrten hinaus hat dieser Vortrag berechtigtes Aufsehen erregt und hier lag nun wirklich die Gefahr vor, daß Probleme und Hypothesen der Wisseirschaft, die noch lange nicht als geklärt gelten können, von einem urtheilslosen Publikum als feststehende Thatsachen angenommen und weiter verbreitet werden. Dieser Gefahr mußte man begegnen, und es ist dies in sehr eingehender Weise von christlichen wie von jüdischen Gelehrten geschehen. Die beiden wertvollsten Arbeiten auf diesem Gebiete sind von Eduard König (Bibel und Babel) und Jacob Barth (Babel und israelitisches Religionswesen). Außerdem haben gegen Delitzsch Budde, Jensen, Kittel, Cornill, Oettli, Knieschke, Volz, Merx, Sayce, Rosenthal u. a., wie man sieht eine stattliche Gelehrtenzahl, sich gewendet. In der That bleibt nach diesen Widerlegungen von dem ganzen Hypothcsengebäude Delitzschs kaum noch ein Stein übrig. Es ist begreiflich, daß die Wiederausdeckung der Schriftdenkmäler Vorderasiens aus mehrtausendjährigem Schlaf in der orientalischen Welt eine förmliche Revolution hervorgebracht hat; in der That wurden in den Denkmälern der babylonisch-assyrischen Keilschrift neue Quellen der Erkenntnis uns erschlossen. Aber trotz der vielen Ausgrabungen und Expeditionen bleibt immer noch für den Forscherfleiß genug zu thun übrig. Deshalb konnte die unter dem Protektorat des Kaisers stehende „Deutsche Orient-Gesellschaft" für ihre Thätigkeit kein wichtigeres Feld wählen als gerade Babylon. In den Ostertagen des Jahres 1899 begann die Arbeit. Unter den Auspicien Delitzschs und unter der Leitung Koldeweys sind bereits zahlreiche Funde an das Tageslicht gefördert worden, und es ist selbstverständlich, daß man sich nun die Frage vorlegt, welchen Quellenwert diese babylonischassyrischen Schriftdenkmäler besitzen. Eduard König, den