Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 22 (sequence 8)
- Language
- German
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22 Werk, und die Resultate der mühevollen Forschung sind, wie man es bei Harnack nicht anders gewohnt ist, anschaulich und anziehend dargestellt. Es ist für jeden Kenner jener Geschichtsperiode begreiflich, daß Harnack zunächst von der Verbreitung und Entschränkung des Judentums als den äußeren und inneren Bedingungen für die universale Ausbreitung des Christentums spricht. Daß die Ausbreitung des Judentums in der Diaspora in einer, erst durch die Forschungen der letzten Jahre klargelegten Weise dem Christentum den Weg bereitet hat, ist eine feststehende Thatsache. Besondere Aufmerksamkeit wendet aber Harnack dem Uebergang von der Judenzur Heidenmission durch Paulus zu, „der das Volk Israel und die Religion Israels in der Geschichte entthront, das Evangelium von dem jüdischen Boden losgerissen und auf den Boden der Menschheit verpflanzt" haben soll. Er erst habe die volle Reactiou des Judentums gegen das Evangelium herausgefordert. Und nun Hütten die Verhetzungen und Verläumdungen der Juden gegen die Christen begonnen! „Sie haben" — sagt Harnack — „wenn nicht Alles täuscht, die neronische Christenhetze inspiriert und fast überall bei den späteren blutigen Verfolgungen im Hintergründe oder im Vordergründe der Action gestanden." Wenn nicht alles täuscht! Und wenn nun, soweit es möglich, nachgewiesen werden sollte, daß alles täuscht, wird dann der gelehrte Kirchenhistoriker seine schwere Anklage namentlich in Bezug auf die neronische Christenhetze wirklich zurücknehmen? Die Gegenwirkung der Juden gegen das Christentum ' sei erst im Wesentlichen zur Zeit Hadrians erloschen, aber die Synagogen und einzelne Juden, so belehrt uns Harnack, hätten die Anfeindungen und Aufhetzungen noch lange fortgesetzt. Freilich, so fügt er hinzu: „Die Juden thaten, was sie mußten: sie beschleunigten den Prozeß, der die volle Befreiung der neuen Religion vou der alten bedeutete und der dem Judentum die Lösung der schon begonnenen Aufgabe, sich zur Weltreligion auszugestalten, entzog." In jedem Falle erwächst auch diesmal unfern Gelehrten die Pflicht, Harnack Schritt für Schritt zu folgen und streng wissenschaftlich zu widerlegen.