Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 6)
- Language
- German
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20 Darum dürfen jedoch die Gefahren, die im Halbwissen liegen, nicht unterschätzt werden; aber freilich, wenn man eins gegen das andere abwägt und selbst solche einsame Gelehrten vor die Alternative: Halbwisser oder Nichtswisser stellen würde, so glauben wir, daß kein einziger sich unbedingt für die letzteren entscheiden möchte. Wir begrüßen es darum als einen großen Fortschritt, daß auch von verschiedenen Seiten für die Popularisierung unserer Wissenschaft in diesem Jahre Wichtiges unternommen wurde und zwar — es ist notwendig, dies ausdrücklich zu konstatieren — von den beiden innerhalb des modernen Judenthums herrschenden Richtungen. Der liberale Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin hat einen Preis für die beste Arbeit über das Wesen des , Judenthums ausgesetzt, die orthodoxe jüdisch-litterarische Gesellschaft in Frankfurt a. M. hat wiederum einen Preis auf eine kurze, in deutscher Sprache abzufassende Geschichte der gaonäischen Periode ausgesetzt. Beide Unternehuugen sind gleich verdienstvoll. Und wenn sich manche der ersten Anregung gegenüber noch immer skeptisch verhalten, so muß man diese immer wieder auf den eigentlichen Urgrund unserer Geschichte und unserer Wissenschaft Urquell Hinweisen, denn cs kann gar keinen Zweifel darüber obwalten, daß unsere Wissenschaft und unsere Litteratur Ausfluß des Judenthums sind. Man muß also das Wesen des Judenthums kennen, um dessen Beziehungen zu Wissenschaft und Litteratur zu erkennen. Schon vor einem halben Jahrhundert hat ein edler jüdischer Gelehrter, Dr. Bernhard Beer, in seinen jüdischen Litteraturbriefen diesen Zusammenhang in geistvoller Weise erörtert, indem er die vier verschiedenen hauptsächlichsten Religionen nach Maßgabe ihres Wesens, nach der Verschiedenheit ihrer Manifestationen betrachtete und daraus die für unfern Zweck notwendigen Schlüsse zog: das Heidenthum, das Christenthum, den Islam und das Judenthum. Das Heidenthum nimmt die Materie zum Ausgangspunkt, dem Christenthum manifestiert sich die Gottheit auch erst durch Jncarnation, im Islam wurde die geistige Auffassung ebenfalls nicht konsequent durchgeführt, das Judenthum aber hielt konsequent an dem geistigen Prinzip fest. Es wies jede