Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Litterarische Jahresrevue
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 4)
- Language
- German
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18 finden sich ja in der That auch heute noch „kühne und biedere Federn", die wahre Volksaufklärung verbreiten. Wie gegen die Fremden, so geht auch Zunz gegen die eigenen Glaubensgenossen in jenem Schriftchen sehr energisch vor. Auch hier muß man seine Aeußerungen wörtlich eitleren, denn sie sind geradezu prophetisch. „Wenn aber in unfern Tagen viele Juden für das Studium der rabbinischen Literatur verloren sind, so ist es ganz schlichte Unwissenheit, erzeugt aus dem immer mehr sich verringernden Unterricht in der hebräischen Sprache. Theils bewirkt dies die schlechte Aussicht auf einstige Beförderung, der erleichterte Weg zu anders artigen Wissenschaften und die sehr lobenswürdige Ergreifung der Künste und Handwerke, des Ackerbaus, teils aber auch Kälte gegen Religion überhaupt und gegen der Vorfahren Litteratur insbesondere, der Wahn, sich mit der Beschäftigung derselben zu entehren und eine liebenswürdig moderne Ungründlichkeit von der wir noch Einiges sagen wollen." Wenn Zunz heute aufträte, so könnte er nicht anders zu seinen Zeitgenossen sprechen. Für uns aber sollte die Thatsache, daß die Klage, die ein weiser Mann vor nunmehr 85 Jahren ausgesprochen, auch heute noch wörtlich zutreffe, ein Ansporn sein, so viel an uns liegt, zur Besserung der Verhältnisse beizutragen. Was ist nun im abgelaufenen Jahr nach dieser Richtung hin geschehen? Es wäre ungerecht, wenn man in Abrede stellen wollte, daß wir uns aus dem Wege zur Besserung befinden. Es geht unverkennbar ein tiefer Zug durch das moderne Judenthum nach Erkenntnis und Belehrung, eine erhöhte geistige Regsamkeit thut sich auf allen Gebieten kund, im Volke wie in gelehrten Kreisen. Hier hat man bereits angefangen, sich seiner Unwissenheit zu schämen und „wie der Hirsch nach Wasserquellen", so lechzt man nach der Belehrung über unsere Geschichte, über unser Schriftthum, und dort beginnt man mit Eifer dieses Sehnen und Verlangen zu stillen. Man ist nicht mehr gewillt, einen großen Teil der Wissenschaft des Judenthums, vor allem die Bibelkritik, sodann aber auch die Geschichte in ihren wichtigsten Partien der Einseitigkeit, dem Haß und dem Vorurteil zur Behänd-