Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5662
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111078-3112164--1486-3112195- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
12 wurde ein sogenanntes Ruralpolizeigesetz eingebracht, das jedem Fremden — lies: Juden — verbietet, sich ohne Genehmigung des Bürgermeisters in einer Landgemeinde niederzulassen. Damit nahm man den Juden die Freizügigkeit auf das flache Land und legte dort ihre Existenz in das Belieben der örtlichen Klein-Tyrannen. Eine andere, und zwar die zahlreichste und ehrenhafteste Klasse der rumänischen Juden, die Handwerker, wurden durch ein neues Gesetz bedroht, des den „Fremden" — lies: Juden — die Ausübung des Handwerks so gut wie unmöglich macht. Viele Tausende der besten jüdischen Familien, die alle ihre Menschen- und Bürgerpflichten redlich erfüllt hatten, sahen sich mit dem sicheren Untergange bedroht. Die Bestürzung wurde allgemein, und es waren gerade die Ansehnlicheren und Begüterteren, die sich zu schleuniger Auswanderung entschlossen, ehe sie ihre Habe in notgedrungener Unthätigkeit aufgezehrt hätten. Die Jewish Colonization Association organisierte die Massenauswanderung, die sich besonders nach Amerika wandte. Mittellosere überschritten die nahe österreichisch-ungarische Grenze, um freilich dem schlimmsten Mangel anheimzufallen. Allein das Uebermaß des Frevels und Jammers übte doch eine heilende Wirkung. Im Lande selbst beklagten alle Einsichtigeren den dauernden Verlust, den der Nationalwohlstand durch die Auswanderung so vieler tüchtiger Elemente und bedeutenden Kapitals erlitt. König Karl besonders fühlte sich beunruhigt über die offiziellen Greuel und Schädigungen, die im Auslande das peinlichste Aufsehen erregten. Da Rumänien sich in der Notwendigkeit erblickte, baldigst von neuem an die Geldmächte des Abendlandes zu appellieren, so fürchtete es eine Abweisung: nicht aus Humanitären Beweggründen, die diesen Mächten leider fremd zu bleiben pflegen, auch wo es sich um Glaubensgenossen Handelt, sondern weil durch die riesig anwachsende Auswanderung die wirtschaftliche Kraft Rumäniens geschwächt wurde. Die fremden Staaten protestierten, da die neuen Gesetze vielfach gegen die Bestimmungen der existierenden Handelsverträge verstießen. Die rumänische Regierung sah, daß es auf diesem Wege nicht mehr weiter gehe. Der höchste Gerichtshof des Landes