Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5662
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 grenzen ansiedeln dürfen. Er verbot den Polizeibehörden in den baltischen Provinzen sowie in den Gouvernements Kiew und Wilna die willkürliche Vertreibung angesessener Juden mit der Drohung, diese ehrenwerten Organe der öffentlichen Sicherheit wie gemeine Räuber bestrafen zu wollen. Auch der neue Unterrichtsminister, Sänger, zeigt sich freisinniger als sein Vorgänger Wannowski. Er hat die Zahl der jüdischen Studierenden, die auf den Universitäten zugelassen werden soll, erhöht, und zwar für manche Fakultäten, wie die medizinische, und für das Studium der Pharmazeutik ganz bedeutend. Gegen die Unruhestifter schreiten die Behörden und Gerichte mit großer Strenge ein: in Czenstochau, wo die Greuel systematisch von langer Hand vorbereitet waren, sind nicht weniger als 800 Personen verhaftet worden. Das sind immerhin günstige Vorzeichen. Andrerseits bemühen die russischen Juden sich selber durch Schulen aller Art, auch Handwerker- und Ackerbauschulen, ihre Jugend zu ehrlichem und ausgiebigem Broterwerb immer tauglicher auszurüsten. Sie werden in diesem löblichen und segensreichen Bestreben von der Baron Hirsch'schen Jewish Colonization Association auf das nachdrücklichste unterstützt, die so mit vollem Rechte anstrebt, die äußere Emanzipation unserer russischen Glaubensgenossen durch ihre innere Hebung vorzubereiten. Und selbst in dem klassischen Lande des Antisemitismus, in Rumänien, scheinen die Dinge zu einer Krisis gediehen zu sein, aus deren Verlauf wenigstens einige Besserung in den Verhältnissen der dortigen Israeliten hervorgehen könnte. Zunächst hatten sich die Zustände bis zur Unleidlichkeit verschlimmert. Die Beauftragten der Regierung fuhren fort, unter den sinnlosesten Vorwänden die Schulen zu schließen, die sich die Juden aus eigenen Mitteln errichtet hatten, weil man ihnen den Zugang zu den staatlichen Schulen versperrte. Ein einziger Inspektor schloß fünfzig Schulen in wenigen Wochen. So suchte man die Juden geistig und sittlich zu verelenden. Fleißige, ehrliche Juden, Ackerbauer und Handwerker, wurden zu Hunderten, ja zu Tausenden ohne Grund und Recht ausgewiesen. Um dieses Verfahren zu legalisieren.