Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 6 (1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5662
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 die Verwirklichung dieses Grundsatzes eine Schädigung, ein schweres Unrecht. Aber das Zentrum hat sich auch nie darum bekümmert, ob den Juden in den Zweigen des Staatsdienstes, aus denen sie noch ausgeschlossen sind, Gerechtigkeit widerfahre. Im Gegenteil, es hat in der jüngsten Zeit der Benachteiligung der Juden in dieser Hinsicht stets zugestimmt. Nur wenn er gegen die Juden anwendbar ist, erinnert es sich des Grundsatzes der Parität. So nahm die klerikale Mehrheit der bayerischen Abgeordnetenkammer einen Antrag an, die Regierung zu ersuchen, Israeliten möglichst nur im Verhältniß zur Bevölkerungszahl in die Justizverwaltung aufzunehmen. Freilich der Justizminister widersprach, indem er ganz korrekt auf das Reichsgesetz verwies. Die Kammer , der Reichsräte verwarf den Antrag der Abgeordneten — allein die Thatsache bleibt bestehen, daß die klerikale Partei der bayerischen Volksvertretung, eine Partei, die angeblich „für Freiheit und Recht" kämpft, sich auf die Seite des Unrechtes und der Unterdrückung gestellt hat. Die preußische Regierung fährt fort, auswärtigen Israeliten die von diesen erbetene Naturalisierung grundsätzlich, ohne Angabe der Gründe zu versagen, selbst wenn die Petenten seit Jahrzehnten in Preußen wohnen, hier tadelfrei und nützlich gewirkt, ja öffentliche und staatliche Anerkennung erlangt haben. Offenbar liegt der Regierung daran, die Zahl der jüdischen Familien in Preußen nicht zu vermehren. Sonst könnte man sich die Abweisung völlig einwandsfreier und sogar nützlicher Neubürger nicht erklären. Die kleineren Bundesstaaten beginnen, diesem Beispiele des leitenden Staates zu folgen: sie weisen hin auf Winke und Wünsche von Berlin her, die ihnen die sonst gern gewährte Einbürgerung verdienter israelitischer Einwohner auswärtiger Nationalität unmöglich machen. Und doch nimmt die Anzahl der Juden in Deutschland verhältnißmäßig immer mehr ab. Es ist das eine Erscheinung, die sich schon seit einigen Dezennien geltend macht, aber jetzt mit verblüffender Deutlichkeit hervortritt. In dem Jahrfünft zwischen 1895 und 1900 haben die jüdischen Deutschen nur um 3 Vs Prozent, die andersgläubigen um 8 Vs zugenommen. 1880 waren die Juden noch 133 unter je 10000 Deutschen,