Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 237 (sequence 106)
- Language
- German
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237 Verwaltungsrath und ein Staatsanwalt aus München, von der süddeutschen Linie der Friedländers. Professoren, Aerzte, Rechtsanwälte, Techniker, Industrielle und Kaufleute. Nur die Rabbiner fehlten. Es gab deren einige in der Familie, aber fie waren in ihren Gemeinden durch ihren Beruf fest gehalten für die Feiertage. Unter der Jugend temperamentvolle Jünglinge mit studentischen Schmissen, zwei badische Offieiere und ein österreichischer in Uniform, Referendare, Assessoren, Ingenieure, neben ihnen Handlungsbeflissene und solche, die ein Handwerk erlernten . . . und doch war Harmonie in dem vielgestaltigen Bilde. Die Harmonie der gemeinsamen Empfindungen, die in dieser Stunde alle beseelte. Leopold Friedländer hatte die große, silberne Sederschüssel näher zu sich herangerückt. Sie war mit den symbolischen Gerichten des Festes gärnirt. Die vergoldete:: Muscheln in den vier Ecken enthielten das Charausses, die bitten: Kräuter, das in der Asche gebratene Ei, das salzige Wasser. In der Mitte lagen die Mazzot überdeckt mit einer weißseidenen Decke. Löwen in Goldstickerei hielten den Schild Davids, der aus Silber und Edelsteinen gearbeitet war. In hebräischen Lettern darunter die Segenssprüche. Eine Enkelin des Jubilars hatte die prachtvolle Handarbeit angefertigt. Und jetzt erhob sich ein seines Sümmchen und ein fünfjähriger Knabe sprach die ersten Worte der Hagadah: „Manischtana halei lo haseh?“ Es war der Sohn einer Urenkelin des Patriarchen. Dieser Knabe, am Tische seines Ahnherrn die fünfte lebende Generation verkörpernd, besaß von diesem edlen Greis abwärts noch eine weitere Ahnenreihe, die in Elieser und Mei'r Friedländer gelehrte, weise und hochgesinnte Männer auswies, deren Tugend und Frömmigkeit, deren Verstand und Wohlthätigkeit sie nicht nur bei den Juden, sondern auch bei Andersgläubigen hoch zu Ehren gebracht hatten. Ob diese Erinnerungen an seinen Vater und Großvater in diesem Augenblick in Leopold Friedländer aufwachten, als der kleine Jakob mit kindlichem Tone, aber deutlich und vernehmlich die vorschriftsmäßigen Fragen an ihn richtete? Er neigte sich über seine Hagadah und Thränen entströmten seinen müden, alten Augen.