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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 238

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 238 (sequence 107)
Language
German
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238 Ein Gefühl unsagbarer Rührung hatte alle Anwesenden ergriffen. Man sah von dem Greise auf das Kind, das in ahnungsloser Neugier mit weiten, großen Blicken um sich schaute, und dann wieder von dem Kinde aus den Greis, und eine Fülle drängender Fragen und Gedanken wurden rege in aller Herzen. Das greise Judenthum und das junge? Wie würden sie nebeneinander bestehen? Schön und. friedlich, wie in dieser Stunde? Und würde die Jugend andächtig lauschen, was das Alter sie lehrt aus der Geschichte seines Volkes? Würden die Jungen um die Patriarchen sich schaaren? Zu Sammlung und Weihe sich flüchten aus dem bewegten Treiben, aus dem bunten Trubel des Daseins, aus seinen Kämpfen, von seinen Aufgaben? Hier vollzog sich dieses Wunder, in dem schlichten Judenhause. In pietätvoller Stimmung folgten alle dem Vortrage ans der Hagadah, den der Patriarch jetzt mit schwachem, aber eindringlichem Tonfall anstimmte. Den krausen, seltsamen, talmudisch-kasuistischen Auslegungen des Festes. Und als er dann mit zitternden Händen den hohen silbernen Pokal mit dem Weine füllte, der für den Propheten Elia bestimmt war, und sich erhebend mit dem Abglanz gläubigen Vertrauens in dem greisen Antlitz ausrief: „Leschono habo bejeruscholajim“, da ging es wie ein Heiligkeitsschauer durch die Versammelten. Niemand vermochte sich im Moment des erhebenden Eindrucks zu entziehen, auch die ganz außerhalb dieser Wünsche und Hoffnungen Stehenden nicht. Hugo Benas war auf's Tiefste erschüttert. „So muß es sein," flüsterte er der neben ihm sitzenden Mutter zu. „In Anschauungen, Lebenshaltung, Stellungen, Bildungsgraden, durch Welten getrennt — vereint in dem Gedanken unseres Volkes. Und überall, wo Juden so leben, wird sich ein geistiges Zion aufrichten, wie hier an dieser bescheidenen Stätte."—

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