Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 231 (sequence 100)
- Language
- German
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231 zende Fähigkeiten in sich schließt. Bis in unsere Zeit gab es ja ein Band, das sie zusammenhielt, allerdings nicht in freiem, muthigem Selbstgefühl, sondern in Demuth und Unterwerfung, dieses Band war der Glaube! Aber heute, wo dieser Glaube wankt, denn sobald er die altehrwürdigen Formen und Gebräuche wechselt, wankt er, heute wo dieser Glaube bei vielen modernen Juden aufgelöst ist durch eine zersetzende Kritik, durch eine gewaltige Verstandesarbeit, müßte etwas Anderes an seine Stelle treten, das historische Selbstgefühl. Ueberall hat das Nationalgefühl eine Höhe erreicht wie nie zuvor, nur die Juden stehen abseits. Das Bewußtsein ihrer großen historischen Vergangenheit und ihrer kolossalen kulturellen Entwickelung aber berechtigt sie dazu wie alle übrigen. Man hat dagegen eingewendet, daß die gläubigen Alt-Israeliten sich immer erhalten werden trotz der modernen Juden, man scheint dabei nur eines zu vergessen, daß jedes neue Geschlecht das moderne ist und daß die Alten sterben, um den Jungen den Platz zu räumrn. Wo aber sind die Jungen und Jüngeren und Jüngsten in stetiger Fortpflanzung der Generationen, die das Ueberkommene ganz unverändert bewahren und unverbrüchlich aufrecht erhalten? Man täusche sich doch nicht darüber. Wo ist das Judenhaus von heut, das dem von früher gliche? Selbst in Familien, erfüllt von Ehrerbietung und Stolz für die Tradition, hat überall der Geist der neuen Zeit Wandel geschaffen und im günstigen Falle baut man irgendwo in einem stillen, weltverlorenen Plätzchen der Erinnerung einen Tempel, auch nur dann, wenn etwa ein hochbetagtes, ehrwürdiges Familienmitglied in priesterlich-patriarchalischer Weihe diesen Tempel hütet." „Ach, lieber Rosenfeld, Sie machen sehr deutliche Anspielungen," neckte ihn der Geheimrath. „Verzeihen Sie, Herr Geheimrath," sagte er und eine flüchtige Röthe stieg in sein bleiches Gesicht, „es war keine Anspielung, sondern ganz klar stand mir das Beispiel Ihrer Familie vor Augen, in der jetzt alle, ganz im modernen Leben stehend, meist fertig mit der religiösen Ueberlieferung sich rüsten, ein Fest zil feiern nach altjüdischem Brauch. Was sie aber