Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 230 (sequence 99)
- Language
- German
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230 gangenheit niemals vergessen dürften, stolz sein auf ihre Mission unter den Völkern der Erde, ausharren auch in Leiden, bis einst der Tag kommt auch für unser Volk. Ein Tag ohne Ende, voll Ehre, Würde und Selbstvertrauen!" Rita war unwillkürlich aufgesprungen und neben den Bruder getreten. Auch Heinrich hatte sich erhoben und stellte sich an die Seite des Freundes. Es war ein rührenderhebendes Bild, die drei jungen Menschen so nebeneinander zu sehen. Hugo in der stolzen Haltung eines Eroberers, Heinrich mit dem hingebungsvollen Ausdruck apostolischer Begeisterung und Rita in froher Freude, die Verkörperung von Jugend und Schönheit, die des Sieges harren. In stillen Gedanken versenkte Weilen sich im Anblick dieser Gruppe, dann sagte er nachdrücklich: „Man sollte dem jungen Israel nicht wehren, seinen Idealen zu leben. Es steckt so viel Gutes und Tüchtiges darin. Eine Eigenart, die man schonen sollte, nicht nivelliren." Ein inniger Blick traf Rita. Es war ihr, als hätte er ihr damit ein Versprechen gegeben. Auch die Mutter hatte diesen Vorgang bemerkt und ein feines, zufriedenes Lächeln zog um ihren Mund. Das Gespräch nahm dann einen allgemeineren Charakter an, obwohl es den Gegenstand immer wieder streifte, der Weilen Veranlassung geboten hatte, seine Ansichten so klar zu entwickeln. Dann fand auch vr. Rosenfeld Gelegenheit, sich über die Stellung der heutigen Juden in ihren eignen Angelegenheiten zu äußern. Er that dies in seiner schwermüthigen aber sympathischen Weise und sagte: „Ganz unbegreiflich nur erscheint, daß den Juden so oft der Muth fehlt, sich zu sich selbst zu bekennen. Die Andersgläubigen glauben sich vor ihnen schützen zu müssen und fürchten eine Beeinträchtigung ihrer nationalen Eigenthümlichkeiten durch jüdische Art, wogegen sie sich wehren. Erstaunlich nur bleibt es, daß den Juden dieser 'Selbsterhaltungstrieb fehlt, daß sie nicht stolz, und hochgemuthet genug sind, ihre Eigenart zu vertheidigen und ebenso fcstzuhalten, wie die anderen Stämme. Eine Eigenart, die so überaus werthvolle Eigenschaften, so glän-