Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 227 (sequence 96)
- Language
- German
- Belongs to
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227 „Noch nicht. Aber ich hoffe, es zu werden. Jedenfalls werde ich mein Leben ganz diesen Zielen weihen." Sein Auge flog von Weilen unwillkürlich zu Rita, und wie ein -schmerzliches Lächeln zog es um seine Lippen. Weilen hatte diesen Blick aufgefangen und er sah auch, wie in Rita's bleiches Antlitz eine flüchtige Röthe trat. Mit einem Schlage stand die Tragik dieses jungen Lebens vor ihm. Dieser Schwärmer liebte sie, aber die Liebe zu seinen Ideen, die Liebe zu seinem unglücklichen Volke war stärker in ihm, und heldenhaft nahm er Abschied von Wünschen und Hoffnungen, die er in sich ertödtet hatte, ehe sie sich hinausgewagt hatten aus seiner Seele. Aber auch Rita schien eine Ahnung davon gehabt zu haben, denn weshalb wäre sie sonst erröthet? Er blickte sie an und was ihr Auge ihm verrieth, war nichts als die vollste Hingebung. Ein .unendliches Mitleid mit Heinrich überkam ihn. Etwas Verwandtes zog ihn an. Auch Heinrich hatte die holde Blüthe gesehen, er hatte in stillem Entzücken beobachtet, wie herrlich sie sich entfaltete . . . er hätte sie vielleicht erringen können als Freund des Bruders, auch ihr Freund und im Hause wohlgelitten. Aber er entsagte freiwillig und beschritt den Dornenpfad, an dessen -fernem, fernem Ende die Erfüllung seiner Ideale winkte. — Wie vermochte er nur zu entsagen? — Nachdenklich blickte er auf den jungen Mann; ihr zu entsagen — Rita! Sein Auge suchte sie. Auf ihrem Antlitz lag der Abglanz sreudigen Stolzes und innerster Befriedigung. Es hatte sie unendlich beglückt, ihn so über diese Frage sprechen zu hören, die ihren Bruder so ganz und gar erfüllte und die bei dem innigen Verhültniß, das zwischen den Geschwistern bestand, auch ihre Theilnahme erweckt hatte. Auch im Antlitz der Geheimrüthin spiegelte die Genugthuung sich wieder, solche Ansichten bei ihrem Gaste zu finden, und triumphirend sah sie bald ihren Gatten, bald ihren Sohn an. Um des Geheimraths Mund spielte ein leichtes, etwas skeptisches Lächeln, Hugo aber sagte in kaum beherrschter Erregung: „Und Sie selbst, Herr Regierungsrath, wie denken Sie über die Sache?" 15*