Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 95)
- Language
- German
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226 „Sie halten besonders viel von unseren kolonialen Bestrebungen?" „Außerordentlich viel. Ich bin lange in diesem Ressort thätig gewesen und beschäftige mich auch jetzt wieder mit Vorliebe damit. Je mehr ich in die Materie eindringe, desto mehr gewinne ich die Ueberzeugung, daß eine Großmacht nur aus dieser Basis ihrer Bedeutung entsprechend sich entwickeln kann " „In das Gebiet der Kolonialpolitik gehören auch die palästinensischen Ackerbaukolonien sür die östlichen Juden ..." wendete Hugo sich jetzt ganz direkt an ihn. „Ich weiß nicht, Herr Regierungsrath, ob dies Ihre Ausmerksamkeit schon einmal auf sich gelenkt hat?" „Ganz gewiß! Wie können Sie daran zweifeln? Wie sollte ich, der hauptsächlich mit solchen Angelegenheiten beschäftigt ist, daran achtlos vorübergehen? Gerade ich? Es ist übrigens eine Affaire, die mehr Beachtung findet, als man allgemein annimmt, auch in den maßgebenden Kreisen. Man kennt die Bestrebungen, man nimmt davon Notiz, wenn auch vielleicht noch im negirenden Sinne. Man würde staatenbildenden Projekten sicherlich nicht geneigt sein, und sie entweder mitleidig oder ironisch belächeln .. . . vielleicht auch im souveränen Machtgefühl sie bekämpfen — nun wohl. . . die Anwendung des Rezeptes der Befreier und Bedrücker ist auch den Juden nicht zu verwehren: Willensstark, unentwegt, sich nicht entmuthigen lassen, arbeiten" ... „Herr Regierungsrath!" Es war wie ein Anruf zwischen Zweifel und Hoffnung. Und mit brennenden Augen starrte er ihn an. als wolle er in seiner Seele lesen, ob er Spott mit ihm treibe oder es ernsthaft meine mit dem, was er soeben gesagt habe. Auch Heinrich sah ihn betroffen an und in seinem Blicke stand die Bitte: Treibe Deinen Spott nicht mit dem, was uns heilig ist. Dann aber trat in sein schönes, edles Gesicht etwas Drohendes und er sagte: „Die Führer dieser Sache sind sich der Bedeutung ihrer Aufgaben bewußt und es fehlt ihnen keinesfalls an Muth, sie durchzuführen." „Sind Sie auch einer dieser Führer, Herr Doktor?"