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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 225

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 225 (sequence 94)
Language
German
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225 in meine Arme schließen dürfen, nicht küssen . . . aber das ist ja nicht möglich ... wie lange noch?" Dann beruhigte er sich wieder. „Wohlan denn... es muß sein." Als nachher die Mutter zu ihnen trat, küßte er ihr die Hand. Kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt. Dennoch wußten sie, daß sie sich verstanden hatten und einig waren. Dann kamen die übrigen. Nichts verrieth, was hier inzwischen vorgegangen war. Nach dein Diner saß man plaudernd im kleinen Salon. Die Wcltgewandtheit Weilen's „machte es ihm nicht schwer, der Unterhaltung ein allgemeines Interesse zu geben. Er erzählte von den Erfolgen der kolonialen Politik Deutschlands und, von welch' weittragender Bedeutung sie wäre. „Ich begreife eigentlich nicht, weshalb man sich bei uns dieser Politik gegenüber so spröde verhält?" sagte der Geheimrath. „Weil die Menge kurzsichtig ist und für das, was nicht in absehbarer Zeit realisirbar erscheint, kein Verständnis; hat. Sie lebt von der Hand in den Mund, und das sind die Gesichtspunkte, unter denen sie Alles betrachtet. Geld ausgeben für etwas, was erst künftigen Generationen ersprießlich sein könnte — beileibe nicht, welcher Unsinn! Hier die Groschen und hier das Brot, das den eigenen Magen sättigt. Was geht es uns an, argumentirt man, daß die nach uns Kommenden statt des harten, trockenen Brotes Kuchen essen werden? Es ist die Taktik des heutigen Tages, der kein morgen kennt. Es ist die Logik der Engherzigen und Beschränkten — aber immerhin ein Eintagsfliegenegoismus, den man begreifen kann. Nur darf man ihn nicht zum herrschenden Prinzip werden lassen. Es war stets so gewesen, daß man der Masse aufzwingen mußte, was ihr noththut. Befreier und Bedrücker mußten dabei nach dem gleichen Rezept verfahren. Willensstark mußten sie sein, unentwegt, sich, nicht entmuthigen lassen . . . herrschen! Das was man zu recht erkannt hat, durchsetzen um jeden Preis! Mit Kirchthurmspolitik erlangt man keine Weltmacht." 15

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