Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 222 (sequence 91)
- Language
- German
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— 222 — lange, wenn sie wünsche, daß bis nach dem Geburtstag keinerlei Entscheidung getroffen werde. Inzwischen müsse es zwischen ihnen bleiben wie bisher, und sie sei überzeugt, daß ein Mann wie Weilen, klug und einsichtsvoll, sich diesem nothwcndigen Zwange fügen werde. „Aber, er darf doch kommen'?" Angstvoll klang ihre Frage. „Gewiß, er soll bei uns verkehren wie bisher." „Und soll ich ihm nichts sagen, Mama? Von seinem Briefe nicht zu ihm sprechen? Nicht von dem, was ich denke und empfinde?" „Ich kann Dir darüber nichts sagen, mein Kind! Aber ich vertraue Deinem Taktgefühl. Das geheime Einverständniß, das zwischen Euch bisher bestand, will ich und kann ich wohl auch nicht lockern. Das aber kann ich von Dir fordern, daß Du mir Zeit gönnest und die kurze Frist geduldig verstreichen läßt, die durch die Verhältnisse bedingt ist. Versprichst Du mir das, Rita?" „Ja, Mama! Aber er?" „Er wird einverstanden sein mit dem, was Du wünschest, und Du sollst es ihm heute Abend selbst sagen. Ich erwarte ihn zum Diner. Ich habe ihn gebeten, ein Stündchen früher zu kommen, um mit ihm wegen des Geburtstags zu sprechen. Nun sollst Du ihm sagen, daß man ihn dort willkommen heißt ... und dann sage ihm, was Dein Herz Dir eingiebt, aber dieses Herz soll darüber nicht vergessen, daß es bei uns Juden neben den Gefühlen für den Einzelnen noch etwas Anderes giebt: die Familie! Und daß die Rücksichten auf die Familie es manchmal heischen, dem egoistischen Einzelwillen Opfer aufzuerlegen. Daß diese Opfer aber uns groß und stark gemacht und in uns die Fähigkeit höchster Hingebung und aufopferungsvollster Liebe erweckt haben, denn sie wurzeln in den edlen Empfindungen der Pietät und der Pflicht. Der Mann, der Dich liebt, wird das verstehen, denn er liebt vielleicht unbewußt in Dir diese ethischen Grundsätze, in denen Du erzogen und die Deinem Wesen, Deiner Bildung, Deiner Erscheinung das Gepräge geben." Zärtlich und stolz blickte sie auf ihr Kind, in dem Anmuth und Bescheidenheit, Würde und Demuth sich lieblich