Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 221 (sequence 90)
- Language
- German
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221 „Ich verstehe seinen Schmerz und Grimm und deshalb kann ich ihm verzeihen. Er mag viel gelitten haben, ehe er zu so schroffer, zorniger Abwehr gelangte, die in jedem, dessen Ansichten andere zu sein scheinen, einen Feind erblickt. Aber vielleicht finden wir eines Tages doch noch einen Punkt der Verständigung, bis dahin soll ein junger Trotz mich nicht aus dem Hause ihrer Eltern vertreiben, das mir lieb geworden, und von Ihnen liebe Rita." Seit jener Zeit war ein geheimes Einverständniß zwischen ihnen. Sie sagten sich nichts, aber sie sühlte es, daß er ihr theurer wurde von Tag zu Tag. Sie war glücklich, wenn er da war, und sie vermißte ihn, wenn er nicht kam. Und mit den feinen subtilen Empfindungen, die in dieser Lebensphase die Seele eines jungen Geschöpfes durchdringen, es hellseherisch machen und jeder leisesten Regung ein inniges, tiefinnerstes Verstehen bewirken, ahnte sie auch, was ihm zu ihr zog. Und dann kam jene heilige Stunde des Ncujahrstages und — sein Brief. Alles beichtete sie der Mutter, allmählich die anfängliche Scheu und Furcht, mit der sie ihr Geständniß vorbrachte, überwindend, bis dieses emporwuchs zu einem Hymnus ihrer Liebe. Frau Fanny war aufs Tiefste ergriffen. In diesem Augenblick dachte sie nicht an die Schwierigkeiten, die diesem Bündniß entgegenstanden, nur an das Glück ihres Kindes. Dann las sie den Brief Weilen's. Rita's Blick ruhte auf ihrem Antlitz, um den Eindruck seiner Bekenntnisse aus ihren Gesichtszügen abzulesen. Und dieser Eindruck war ein überaus starker. Erst mit Spannung, dann mit Rührung las sie das Schreiben. Thränen standen in ihren Augen, als sie zu Ende war. Und nun umschlang sie Rita, und diese weinte an ihrem Halse in Lust und Leid. Wie würde alles sich gestalten? Frau Benas wußte ihr im Augenblick keine Antwort darauf. Aber sie beruhigte sie, streichelte liebkosend ihre thränenüberströmten Wangen und bat sie, gefaßt zu sein. Man dürfe nichts überstürzen, schon wegen des bevorstehenden Festes nicht. Diese Rücksicht sei man dem Greise schuldig, dem dieser hohe Tag beschieden. Es müsse alles vermieden werden, was einen Mißklang, Verstimmungen, Unruhe wecken könne. Und sie glaube, daß sie nicht zu viel von ihr ver-