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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 220

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 220 (sequence 89)
Language
German
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220 Tiefe Stille folgte ihren Worten und dann sagte sie weiter: „Wer nun dort erwartet wird, ist allerdings nicht der Regiernngsrath Or. Victor Weilen, sondern der Sohn von Tante Goldine, Onkel Leopold Friedländer's jüngster Schwester." „Und so wird er auch zu ihnen kommen," sagte Rita träumerisch. Sie hatte der Erzählung der Mutter gelauscht, wie einer Offenbarung. Wie ein Wunder aus fernen Tagen war es ihrer dürstenden Seele, und unwillkürlich hatten die Worte sich auf ihre Lippen gedrängt. „Glaubst Du das auch?" fragte der Geheimrath seine Frau. „Ich bin überzeugt, daß ein Mann wie er den rechten Ton finden wird." „So wäre also auch das erledigt, und wir können ruhig diesem Familienfest entgegensehen. Weilen müßtest Du übrigens mittheilen, was Du erreicht hast." „Ich will ihm morgen schreiben." Am Nachmittag des nächstfolgenden Tages saß Frau Fanny Benas in ihrem Zimmer. Sie blickte nachdenklich vor sich hin und ein Ausdruck von Wehmuth lag auf ihrem gütigen, vornehmen Gesicht. Rita hatte sie soeben verlassen. Es war eine Stunde tiefster Erregung, die Mutter und Tochter mitsammen durchlebt hatten. Rita war gekommen, um ihr das Geständniß zu machen, daß sie Victor liebe. Zitternd und zagend hatte sie der mütterlichen Freundin erzählt, wie dieses Gefühl in ihr erstanden, damals am ersten Abende schon, als er davon gesprochen, wie vereinsamt er sei, und wie es allmählich in ihr gewachsen sei im öfteren Verkehr mit ihm. Wie sein liebenswürdiges, offenes Wesen auf sie gewirkt habe und seine Zutraulichkeit, obwohl diese eigentlich wenig Entgegenkommen gefunden hatte und von Hugo sogar oftim.ls schroffe Zurückweisung. Wie schmerzlich es sie immer berührt habe, wenn er, der so stolz und männlich war, mit Nachsicht und Duldung dies ertragen. Er hatte ihr einmal gesagt, als sie versucht hatte, Hugo bei ihm zu entschuldigen.

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