Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 219 (sequence 88)
- Language
- German
- Belongs to
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— 219 — eignissen, die nicht zwischen ihrer guten Stube und der Synagoge liegen, besonderes Verständniß entgegenzubringen." Unwillkürlich flog ihr Auge zu Hugo hinüber, bevor sie weiter sprach: „Es ist nicht zu verwundern bei diesen eng eingesriedeten Existenzen. Die Töchter von Onkel Leopold, Friederike und Rebekka, sammt ihren Männern waren auch nicht wenig verwundert. Bei ihren Kindern, also der jüngeren Generation, es sind noch einige davon zu Hause, fand ich ebenfalls wenig Anklang, aber alle unterordneten sich ohne Einwendung und beugten sich der Autorität Onkel Leopolds, der wie ein Patriarch unter ihnen lebt, als dieser erklärte: „Wenn Fanny Benas, die Tochter von meinem Schwager Friedheim aus Rogasen und von meiner Schwester Jettchen für ihn redt', is er sicher ein braver Mensch. Und meine Schwester Goldine, seine Mutter, war das Herzpünkel von meiner Mutter und von meinem Vater sichrone lewrocho, und sie hat geheißen nach ihrer Großmutter, Golde Freidchen, der Frau von unserm Seiden, dem Gaon Rabbi Meir, secher zaddik lewrocho. Goldine war die jüngste von uns vierzehn Kindern und hat müssen sterben am ersten. Und wenn ihr Sohn will kommen zu mir, der der älteste von allen war und der einzige, der borche schem noch da ist, und die Sechja hat, diesen Tag zu erleben, soll er kommen. Kommen soll er mit Euch andern und freuen soll er sich mit Euch. Und ich will sehen das einzige Kind von mein Schwester Goldchen . . . Muhme Riekel warf leise ein, „aber er ist ein Meschumed." Es war, als ob ein unsagbarer Schmerzenszug sich über sein welkes, greises Gesicht legte, aber das währte nur wenige Augenblicke und dann erwiderte er mit weicher Stimme: „Wenn er kommen will, soll er kommen. Vielleicht hat Golde Freidchen es für ihr Ureinikel ausgebeten, daß er findt seinen Weg zurück. Denn wenn einer auch geschmadt ist, und er ruft in seiner Todesstunde: „Schema Jisroel," soll er sein wie ein Jid! Soll ich strenger sein, wie Schem Jisboruch?" Eine unendliche Demuth und Güte lag in seinen Worten, und Niemand widersprach ihm.