Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 218 (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Ein Ausdruck lebhaften Interesses zeigte sich in Miene und Haltung des Geheimraths. „Wahrhaftig? Das ist ja höchst interessant. Ich war doch sehr im Zweifel." Hugo aber ballte die Faust und sagte heftig: „Unmöglich! Wie konnte man darauf eingehen? Er wird die Weihe des Tages stören. Was will er dort? Was will er nnter uns? Ein Fremder . . ." Rita zuckte zusammen, während ihr Bruder sprach. Seine harten, unfreundlichen Worte thaten ihr sehr weh, dennoch gewann sie ihre Selbstbeherrschung grade dadurch wieder und mit einem befreienden Athemzuge, der aus ihrem gepreßten Herzen emporstieg wie ein erlösender, unhörbarer Seufzer, sagte sie: „Er ist kein Fremder!" „Dieser Ansicht scheinen auch die übrigen Familienangehörigen zu sein . . ." wendete sich der Geheimrath zu seinem Sohne, „und es wird wirklich Zeit, Hugo, daß Du mit Deiner kindischen und unmotivirten Abneigung gegen den Regierungsrath aushörst. Seine Persönlichkeit giebt nicht den mindesten Anlaß dazu, und mit Deinen sonstigen Wünschen und Idealen hat das gar nichts zu thun. Er scheint mir der letzte, der Dich daran hindern würde." Ein dankbarer Blick Rita's traf den Vater. „Dazu hat er auch kein Recht und wird es niemals haben," erwiderte Hugo grollend. „Du kannst mit Deiner Unduldsamkeit eineni die ganze Geschichte verleiden. Und nun genug davon. Ich möchte viel lieber hören, was der alte, fromme Mann darüber denkt in seiner milden Weisheit, wie was Deine sehr unreife Jugend in ihrer herben Thorheit meint." Hugo biß die Zähne zusammen und unterdrückte jedes weitere Wort. „Also, Fanny chen, wie war es denn?" „Gott, den verschiedenen Familienmitgliedern erschien es ja zunächst sehr befremdlich. Onkel Leopold's ältestem Sohne, bei dem er lebt, Vetter Isidor und seine Frau Hannchen konnten erst gar nicht begreifen, um was es sich handelt. Der Vetter ist ebenfalls bereits über 70 und die Muhme hat ihren Horizont auch nicht besonders erweitert, um Er-