Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 213 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111074-3111911--1163-3112136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
213 Verwandte, deren Namen man kaum noch kennt, haben sich ängemeldet, neben den direkten, von Rabbi Meir Friedländer stammenden Nachkommen Angehörige von Nebenlinien, die ihre Zugehörigkeit von den Brüdern und Schwestern Rabbi Melr's ableiten, ebenso Verwandte, die Enkel und Urenkel der Geschwister unseres Großvaters sind. Sie hätten in Rawitsch sich gar nicht herausfinden können aus diesen brieflichen Angaben, wenn nicht Onkel Leopold's wunderbares Gedächtniß sich dieser Abzweigungen erinnert hätte, und am besten wäre es gewesen, wir hätten den Stammbaum als Orientirungstasel dort gehabt." Der Geheimrath amüsirte sich köstlich über den Eiser und Stolz seiner Frau. So in freudiger Bewegung wie in diesem Augenblick hatte er sie lange nicht gesehen und ihn selbst muthete, was sie sagte, an, wie seine Jugendzeit. Er sah im Geiste den Seder vor sich, wie er auch in seinem Elternhause gehalten worden war mit dem Weihegefühl und der frommen Wichtigkeit, die man damals den Gebräuchen beilegte, und wie Rührung überkam es den sonst so kühlen, etwas skeptisch gewordenen Mann. „Aber sag' mal, Fannychen, wie soll denn das wirklich gemacht werden? Ich glaube, das ist doch keine Kleinigkeit. Zum Beispiel beim Seder . . . auf wie viel Personen rechnet Ihr denn eigentlich?" „Nu paß mal auf, Jo und auch Ihr Kinder . . wendete sie sich an Rita und Hugo, die mit Interesse dem Gespräche gefolgt waren, „ich werde Euch mal das ganze Programm entwickeln. Man erwartet zwischen 50—60 Personen! Von diesen werden 10—15, die noch ganz orthodox leben, bei den Verwandten von Onkel Leopold's seliger Frau einquartirt. Es sind Söhne und eine Tochter seines Neffen, der längst todt ist. Diese drei Familien sind wohlhabend und führen noch ganz streng rituelle Haushaltungen wie die meisten in der Stadt. Bei diesen sind die Frommen sehr bequem unterzubringen, und sie kommen dort in Haushaltungen, in denen Alles bis auf die kleinste Vorschrift genau beobachtet wird. Die Uebrigen wohnen in dem ganz netten Gasthaus am Marktplatz. Ich habe die Zimmer an-