Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 212 (sequence 81)
- Language
- German
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212 Werde und daß man statt des Brotes und Kuchens und sonstiger alltäglicher Gerichte das ungesäuerte Brot essen würde. Dieses ganz eigenthümliche Fest, wie es sich in unveränderter Form erhalten hat, sei nur geeignet, der Feier des 90. Geburtstages Onkel Leopold's einen besonderen Nimbus zu geben. Die Familie saß Abends beim Theo zusammen, als Frau Fanny diesen Bericht erstattete. Sie war in freudiger Erregung, als sie davon sprach, wie sie Alles gefunden und was man plane. „Aber, Fannychen," neckte sie der Geheimrath, „hast Du denn auch bedacht, sechszig Personen sollen Mazzes essen und durch zwei volle Tage! Denn es kann doch Niemand abreisen vor dem Abende des zweiten Feiertages." „Ist Alles überlegt und Wohl angeorduct," sagte sie gutgelaunt. „Sei ohne Sorge, Josua, Du wirst satt werden und alle übrigen auch. Aus Mazze und Mazzemehl kann man allerhand bereiten, die feinsten Gebäcke. Kuchen und Torten und, was die Spezialitäten anbelangt, wie überschlagene Mazze und „Chrimsel" und wie die Delikatessen alle heißen, bist Du auch kein Kostverächter und es wird Dir Spaß machen, sie wieder einmal zu essen." „Und der verdorbene Magen wird mir weniger Spaß machen," lachte er. „Uebrigens hast Du Recht, Fann'scherl, diese schönen Speisen sind ebenso unvergeßlich wie unverdaulich und ich bin gern bereit, im Mai 'ne Carlsbader Kur zu riskiren, um im März mal ordentlich zu essen." „So arg wird's nicht werden. Wir werden schon dafür sorgen, das Vorschriftsmäßige mit dem Guten und Angenehmen zu verbinden. Und schön soll's werden, Kinder. Ich sieue mich darauf. Das ist ein Aulaß, bei dem ich gern zeige, was und wie wir geworden — wir Friedländer!" „Na, vergiß uns Andern nur nicht ganz und gar. . spöttelte er gutmüthig. „Ihr seid die unfern, Ihr gehört zu uns . . ." erwiderte sie mit Nachdruck. „Darin beruht die Größe und Kraft der jüdischen Familie, daß sie so eng und fest in sich aufnimmt, was sich ihr anschließt. Ihr könnt Euch nicht denken, wer Alles zu diesem Geburtstag sich in Rawitsch einfinden will?