Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 210 (sequence 79)
- Language
- German
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— 210 — viel rührende Gemüthstiefe über dem Glanz, der Euch umgiebt. Das Haus hat etwas so Wohliges, Intimes. Schon am ersten Abende war ich wie daheim. Der kluge, tüchtige Vater, die edle, feinsinnige Mutter, Dein Bruder mit seinem prächtigen Trotz und seinen stolzen Ideen, das Alles muthete mich an wie etwas Neues, Fremdes und doch Vertrautes. Ich kannte das Judenhaus nicht, wie es sich zu höchster Vornehmheit und sittlicher Höhe entwickelt hatte inmitten der Bosheiten und Kränkungen, die ihm von außen drohen, umgeben von den Anfeindungen, die ihm.Zerstörung bereiten möchten. Auch der Kreis der Menschen, die ich bei Euch fand, von derselben trefflichen Art. Die Männer ernst, tüchtig, geistig bedeutend, hervorragend in ihrem Beruf, die Frauen klug, künstlerisch beanlagt, schön, die Jugend strebsam, wissenschaftlich gebildet, eindrucksfähig, enthusiastisch. — So lernte ich Euch kennen, Eure Verwandten — meine Verwandten! Und so sage ich mir — mögen Viele sein! Unter ihnen allzuviele, die unter Bedrückung und Noch sich nicht so entwickeln konnten — aber wo wäre das anders? Wo findet man neben den Wenigen nicht immer die Allzuvielen, neben den Erlesenen nicht die ungesiebte Menge? Und nun Du, mein Mädchen . . . theure Rita! Du hast es empfunden, wie Dein holdes Wesen auf mich wirkt, wie es neue, beglückende Gefühle in nur weckt, wie Alles in niir sehnsuchtsvoll sich Dir zuueigt. ... In mir blüht es und es jubelt wie: Heimkehr! Das sind meine Bekenntnisse. Es thut mir unendlich wohl, so zu Dir sprechen zu dürfen, und nun begreifst Du, daß ich nicht zaudern konnte, sondern Dich in meine Arme nehmen mußte in der frohen Zuversicht, daß Du mein sein willst. Habe Muth! Ich lasse Dich. nimmer und wir werden die Schwierigkeiten überwinden, die sich uns entgegenstellen könnten. Ich sehe Dich wieder, wenn Deine Mutter zurückgekehrt ist und ich kommen darf. Vertraue mir! Victor." Thränen überströmten Rita's Antlitz. Seine Seele hatte sich ihr erschlossen. Lange saß sie da und überlegte, was sie thun müsse. Sie verhehlte sich nicht, daß sie eine Verbindung