Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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209 umwirft, macht uns stärker. Aber einsam wurde ich, immer einsamer und ich fing an, dies als mein Loos zu betrachten und versuchte, damit fertig zu werden. Es schien um so leichter, als meine Laufbahn glücklich war und mir Befriedigung gewährte. Ebenso der Lebensstil, den sie bedingte. Der Gedanke wurde mir vertraut, Junggeselle zu bleiben. Was ich von der Ehe sah und kannte in meinen Kreisen, ließ es mir nicht schmerzlich erscheinen, auf sie zu verzichten. Meine Berufsthätigkeit, meine Bücher, meine Reisen gewährten mir volle Genugthuung. Allzuviel Geselligkeit mied ich, so weit es sich mit meiner Stellung vereinigen ließ. So verging die Zeit in Arbeit und Erholung und ein gewisses Gleichmaß der Tage gewährte mir Behagen und Zufriedenheit. Es gab viele Stunden, wo mir diese innere Abgeschlossenheit sehr angenehm erschien und die Sehnsucht nach einer innigen Zusammengehörigkeit mit andern wurde immer schwächer. Da, vor einigen Wochen kommt mir die Notiz über den bevorstehenden 90. Geburtstag des Rabbi Leopold Friedländer in die Hand . . . doch das Uebrige weißt Du! Was Du aber nicht weißt, ist, daß ich an meinem Schreibtisch, wo sich die Zeitung fand, plötzlich das Bild aus dem Vatikan vor mir zu erblicken glaubte, und in einer jener seltsamen Jdeenverbindungen sah ich mich davor, aber nicht wie in Rom, sondern wie ich als Knabe vor dem Manne gestanden, den ich auf dem Bilde wiedergefunden zu haben glaubte. Vor dem frommen, gütigen Manne, wie er über dem Buche gesessen in seiner schlichten Stube. Und dann hörte ich die segnenden Worte wieder — ich hörte sie mit dem Herzen . . . mit dem Herzen des vielerfahrenen, gereiften Mannes. Die Sprache meiner Kindheit, die Sprache auch der Kindheit meines Volkes! Und plötzlich schien die andere Welt um mich her versunken, die moderne, der ich angehöre, und die alte erstand im verklärenden Schein heiliger Erinnerungen. Vater, Mutter, die Familie wurden in mir lebendig! So suchte ich Euch aus. . . Und wie ich Euch fand ... wie ich Dich fand?! Der traute Zauber eines innigen Familienglückes, die vornehme Sicherheit eines gefesteten Lebens und dabei das heimliche Weh über die ungerechtfertigten, thörichten Vorurtheile, unter denen die Glaubensgemeinschaft leidet. Es liegt so 14