Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 77)
- Language
- German
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208 Ghetto Vecchio in Venedig. Da oder dort wird der Künstler den prachtvollen, charakteristischen Kopf anfgestöbert haben, dessen Bild ihn jetzt hier nnter die Unsterblichen versetzt, obwohl sein Name nicht einmal sicher bekannt ist. Es ist florentinische Schule, wahrscheinlich ein direkter Schüler del Sarto's, der lebendige Ausdruck der Hand deutet aus Meister Andrea; Pontormo oder Puligo vielleicht, aber jedesfalls ein trefflicher Künstler. Ich hatte, während mein Freund mir diese Erklärungen gab, Zeit, mich zu sammeln, aber nur schwer befreite ich mich von meinen Vorstellungen. Also ein portugiesischer Rabbi war's aus dem 16. Jahrhundert, nicht mein Onkel Leopold — und doch er ... ich wußte es genau! Unter den Talmudgelehrten aller Zeiten gab es vielleicht ein geheimes Zeichen, das sie einander so ähnlich machte. Die Lehre, mit der sie alle in gleicher Hingebung sich beschäftigen? Die Gleichartigkeit ihrer Lebenshaltung? Die durch die Jahrtausende in unveränderlicher Treue festgehalteue Tradition? Als wir bald darauf den Vatikan verließen, war ich erfüllt von dem Gedanken, daß mein Onkel Leopold Friedländer dort oben hinge unter den Bildern der vatikanischen Galerie. Jahre waren vergangen, die Ereignisse jener Tage waren längst vergessen. Das Leben hatte mich in seine größten und gewaltigsten Strömungen hineingezogen. Ich genoß es mit vollen, starken Zügen. Nach Beendigung meines Assessorexamens hatten meine, Bonner Freunde mir gerathen, die Staatskarriere einznschlagen. Nichts stand mir hindernd im Wege und, was sich mir bot, entsprach ganz meinen Neigungen und dem ehrgeizigen Streben, das damals mich erfüllte. Eine Lücke in mein Leben hatte der Tod Franz Siebart's gerissen. Er war auf einer Studienreise einem typhösen Fieber erlegen. Mitten im stürmischen Drängen und Treiben, in der rastlosen Hast des Daseins erscheinen solche Dinge alltäglich, und so schmerzlich mich sein Tod auch berührte, ich kam darüber hinaus. Es war zu einer Zeit, wo ich selbst durch ein großes, inneres Erleben ganz ansgefüllt war, völlig in mir selbst aufging. Das sind Phasen, über die ich nicht zu Dir spreche, heute noch nicht. , Aber eines kann ich Dir heut schon sagen, sie machen mich Deiner nicht nnwerth. Denn Kämpfe und Schmerzen machen uns nicht klein, und Alles, was uns nicht