Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 76)
- Language
- German
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--- 20? — die f)oi)t, hagere Gestalt eines Mannes, der, den Köpf in die Hand gestützt, nachdenklich über ein vor ihm liegendes, aufgeschlagenes Buch hinwegblickte. In dem tiefdurchfurchten Antlitz ein sinnender, milder Ernst. Die Augen von unendlicher Güte. Eine Frage stand in ihnen nach tausend Räthseln des Daseins. Ganz besonders merkwürdig war die Hand, die auf dem Buche ruhte. Diese Hand sprach eine eigene Sprache, und es war etwas so Sanftes, Stilles, Gütiges in ihren Linien und ihrer Form, als könnte sie nur Segen spenden. Ich war wie gebannt und vermochte mich nicht von dem Bilde loszureißen. Es hatte etwas Bekanntes für mich, es war wie ein Gruß, wie eine Mahnung aus der Jugendzeit. Und plötzlich stand es klar vor meinem Geiste. Dieser Mann, dessen charakteristische Züge unverkennbar einem alten Juden angehörten, wie er über den Talmud hinausblickt und tiefsinnig seiner rüthselvollen Weisheit nachspürt, erinnerte mich an meinen Onkel Leopold Friedländer. Wie mit einem Schlage stand die ganze Scene vor mir. Wie er vor seiner Gemara saß, als ich an der Hand der Mutter vor ihn hintrat in knabenhafter Scheu und wie er über das Buch hinweg mich anblickte so gütig und nachdenklich wie jener Mann auf dem Bilde. Und während ich mein Pensum hersagte, stützte er beit Kopf in die linke Hand und die rechte lag über dem Buche, — dann erhob sich diese Hand und legte sich segnend auf mein Haupt, und der weiche Mund sprach die hebräischen Worte des Segensspruches. Es war mir, als höre ich die leise, eindringliche Stimme, und der hochgewölbte Saal im Vatikan verwandelte sich mir in die niedrige, einfache Stube im Judenhause zu Rawitsch. Ich war wie im Traume, der Vorgang inachte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie entgeistert starrte ich auf das Bild und, ich glaube, meine Lippen stammelten halblaut: „Jeworechecho adonaj wejischmerecho." Niemals habe ich seitdem die Worte ganz aus meinem Gedächtniß verloren ... sie bleiben stets wie ein leiser Nachklang in meinem Herzen. Da fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. „Ein prächtiges Bild, nicht wahr," sagte Franz zu mir, „dieser Hebräer aus dem 16. Jahrhundert. Ich glaube, es ist ein portugiesischer Jude, der in irgend ein italienisches Ghetto verschlagen worden sein mag, nach Trastevere oder ins