Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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206 der leiseste Ton an. Ich wußte nichts von ihr, keine Erinnerung wurde laut, weil sie durch nichts geweckt wurde, und die leisen Stimmen, die in den ersten Jahren vielleicht sich regten, verstummten völlig, je mehr das neue Leben mich anzog und die Vergangenheit in sich auszulöschen schien. Ich hatte um jene Zeit gänzlich vergessen, welchen Glaubens ich war, und die andern dachten gewiß nicht daran. Unter meinen Studiengenossen war damals einer, der mich besonders anzog. Er war zwei Jahre alter als ich, ein ebenso geistvoller wie vornehmer Mensch. Wie ich alleinstehend und unabhängig. Das brachte uns näher, und bald verband uns herzlichste Freundschaft. Er war gläubiger Katholik und als wir nach meinem Referendarexamen eine gemeinsame Reise unternahmen und in Rom unter den übermächtigen Eindrücken seines kunstschöpferischen Glaubens immer inniger uns aneinanderschlossen, da wollte ich auch eins sein mit ihm in dem, worin sein innerstes Wesen wurzelte, und was er, ob unbewußt oder absichtlich weiß ich nicht, in mir nährte und befruchtete . . . Denke daran, mein kluges gutes Mädchen, wie jung ich damals war, wie enthusiastisch, wie ganz der Freundschaft hingegeben und überwältigt von dem Zauber und dem Mysterium eines Cultus, wie er prachtvoll und berauschend aus jenem Boden uns umfangen. Denke daran, und Du wirst mich verstehen! Nicht Erwägungen praktischer Natur reiften meinen Entschluß, in einem Zustande seelischer Ueberreizung, romantischer Stimmung vollzog sich dies Alles. Ich hatte nichts zu verleugnen, denn ich besaß nichts, was ich dem neuen Glauben Hütte opfern müssen — nicht Vater, nicht Mutter, nicht Familie — nichts, wie mein Selbst, und das gehörte damals den Eindrücken, die in mir am mächtigsten waren: Der Freundschaft und der Phantasie. Die Erinnerung an ein kleines Ereigniß aus jener Zeit tritt jetzt mit so überraschender Klarheit vor mich hin, daß ich es Dir erzählen will. Damals war es das einzige, das an meine in so ganz andern Verhältnissen verbrachte Jugend mich gemahnte. Wir waren einige Tage nachher in der vatikanischen Galerie. Ich hatte in den Stanzen mich wieder einmal berauscht an raphaelitischer Herrlichkeit. Da fiel mein Auge auf ein Bild, das in einem Nebensaale hing. Es war