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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1901-01-01 · 4 (1901) · p. Seite 205

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
4 (1901)
Article
Beim Patriarchen
Date
1901-01-01
Page
Seite 205 (sequence 74)
Language
German
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205 erobern und besitzen will, und ich weiß, daß Du mir angehören willst. Muß ich darnach noch Deine Verzeihung erbitten, daß ich Dich gestern so stürmisch an mich riß, daß ich dem jubelnden Drange des Herzens, dem ungestümen Verlangen meiner Seele nachgab. Nicht bedächtig und wägend um Dich warb, wie es dem so viel älteren Manne ziemte, sondern mit der Eroberungslust eines Jünglings, die nichts weiß von klugen Bedenken und vorsichtiger Ueberlegung spottet. Ich war jung, als ich Dich gestern so vor mir sah in dem rührenden Liebreiz Deiner Jugend, und ich werde jung bleiben, so lange Deine Liebe der Jungbrunnen meiner Seele sein wird. Möchtest Du wissen, wieso es gekommen? Ich könnte sagen, srage nicht, empfinde das Starke, Beseligende, was in uns erstanden, als eine wundervolle, zwingende, herrschende Thatsache. Als ein Naturgesetz. Aber ich sehe Deine ernsten, klugen Augen, die in den letzten Wochen sich so oft forschend auf mich gerichtet haben, vor mir in all ihrer Innerlichkeit, Süße und Reinheit, und es scheint mir, als müßte ich der kleinen Fragerin doch Aufschluß geben über mich und wie es kam. Du weißt, mein Lieb, wie früh ich allein stand in der Welt. Vater- und mutterlos, ohne Beziehung zu den Anverwandten, verwaist. Aber gesund, lebensvoll, frohgemuthet und unabhängig in jeder Hinsicht. Das Alles in einem Alter, wo man der Liebe bedarf, der weisen Führung, des innigen Anschlusses an Gleichgestimmte und des Heimathgefühls innerhalb der Familie, das den Söhnen und Töchtern unseres Stammes angeboren ist, weil dort ihre einzige Heimath ist. Ich aber war ganz heimathlos! Mit dem unerschrockenen Muthe der Jugend ging ich daran, mir eine zu gründen. Es wurde mir nicht schwer. Meine Unabhängigkeit, meine reichen Mittel, wohl auch meine sonstigen Fähigkeiten erschlossen mir die besten Kreise. Auf der Universität unter meinen Commilitonen, in den Häusern meiner akademischen Lehrer galt ich als einer der ihren und fühlte mich so. Nichts stand zwischen uns. Nichts Greifbares, nichts Ausgesprochenes.' Weder mein Aeußeres, noch meine Interessen unterschieden mich von ihnen, so ganz war ich aufgegangen in ihrer Welt. Und aus der versunkenen in meinem Innern klang auch nie

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