Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 204 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Am nächsten Morgen empfing Rita einen Brief. Sie faß mit der Tallien beim Frühstück und vermochte kaum die Erregung zu verbergen, in die sie der Empfang des Schreibens versetzte. Die Französin war glücklicherweise in den „Figaro" vertieft und hatte daher kein Auge für das junge Mädchen, so konnte der Brief in der Tasche verborgen werden, bevor sie es bemerkte. „De Maman?“ fragte sie aus ihrer Zeitung heraus. „Ceca!“ antwortete sie halblaut. Ob, ce pauvre Henri . . . pauvre! II est mort . . . mon dieu! Quel malheur pour ma grande patrie . . . cette Canaille de D. . . . C’est vraiment stupefaite, cette blamage irreparable ..." Rita erhob sich. Sie war es gewohnt, Fräulein Tallieu heute für Zolas: „J'accnse“ morgen für „L’armee“ sich begeistern zu sehen, wie alle Ungebildeten oder Halbgebildeten abhängig von der Gewalt des Pathos und stets der Meinung anderer sind, wenn diese sich nur recht vernehmlich zu machen weiß. Jedesfalls war Mademoiselle im Augenblick sehr in Anspruch genommen und gut versorgt. Auf dem Tisch gab es noch kaltes Fleisch genug, Marmelade und andere gute Sachen, die Theemaschine brodelte — Rita durfte also hoffen, für längere Zeit ungestört zu bleiben. Sie schlüpfte in das Zimmer ihrer Mutter. Ein scheuer Blick streifte den Stammbaum, vor dem sie sich niederließ, um den Brief zu lesen. Heftiges Herzklopfen befiel sie. Das Papier knisterte, als sie mit zitternden Händen das Couvert öffnete, und es bedurfte einiger Minuten der Sammlung, ehe sie in das Schreiben blickte. Vor ihren Blicken flirrten die Buchstaben, und erst allmählig las sie: „Mein theures, liebes Mädchen, meine Rita, meine Braut! — Das Wort erfüllt mich mit hoher Freude und es weckt ein Echo in Deinem Herzen und Du sprichst es leise vor Dich hin und bräutliche Gefühle durchdringen Dich, Gefühle, die mir gehören. Was um uns auch unfern Herzensbund verdunkeln konnte, in uns bleibt es hell in Liebe, hell in Freude und hell in Hoffnung. Ich weiß, daß ich Dich