Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 4 (1901)
- Article
- Beim Patriarchen
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 201 (sequence 70)
- Language
- German
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201 bangen Zweifeln ihr Herz in diesen letzten Wochen bewegt hatte, erstand vor ihr in beglückender Wirklichkeit. Er liebte sie. Er! Er hatte ihr Antlitz zu sich emporgerichtet und las das Bekenntniß ihrer Liebe in ihren Augen, die in reinem Feuer ihn anstrahlten. Ein wundervolles Gefühl durchdrang chn. Was sie ihm gab, war die Liebe, wie sie in süßem, heimlichem Verlangen, in keuscher reiner Gluth, in seltsamer, heißer Scheu aufflammte in den Herzen der Töchter jenes Volkes, dem er sich einst thöricht abgewcndet hatte. Als wäre etwas von seinem Gedankengang in ihr wach geworden, entwand sie sich langsam seinen Armen, barg das Gesicht in ihren Händen und eine Thränenfluth löste die Beklommenheit ihrer Seele. Er führte sie zu dem Platz zurück, von dem er sie vorhin so stürmisch emporgezogen hatte, ließ sie darauf herabgleiten, kniete vor ihr nieder und umschlang sie mit sanfter Zärtlichkeit. „Rita! Liebe, süße Rita! Theures Kind! Du weinst? Was macht Dich traurig? Was erschreckt Dich?" „Das Glück!" Da presste er sie wiederum heftig an sich und rief aus: „Du sollst es kennen lernen in freudiger Schönheit. Beseligen wird es Dich, nicht traurig machen!" „Du vergißt, was uns trennt . . stammelte sie angstvoll und suchte sich von seinen Armen zu befreien. Er fuhr jäh zusammen. Dann aber warf er mit stolzer, siegesgewisser Gebärde den Kopf zurück und, sie liebkosend, sagte er stark: „Was uns trennte, führt uns zusammen! Mein Lieb, mein holdes Lieb!" Sie hing an seinem Halse und widerstandslos gab sie seinen Küssen sich hin. Während des Diners schützte Rita Kopfschmerzen vor, um den Vater und Hugo über ihr stilles, in sich gekehrtes